Was geschehen konnte, geschah, obwohl ich überzeugt war, daß das schwer lecke Schiff kaum einen heftigen, anhaltenden Sturm überdauern würde.
Sehr erstaunt war die in solchen Dingen unerfahrene Mannschaft, als während der tiefsten Stille, — kein Windhauch regte sich, — der Befehl zum Dichtreffen sämmtlicher Segel gegeben wurde, und nach kurzer Zeit lag das Schiff unter Sturmsegeln, selbst die Zeit fand ich noch, ein neues Vorstagsegel, das auf der Reise fertig geworden, anschlagen (anbinden) zu lassen.
Da kam von Norden her, (am wirbelnden Wasser, das mit tausend kleinen Wellen und weißen Köpfen wie tanzenden Kobolden aufwallte, war es schon von weitem erkennbar,) der erste heftige Windstoß. In immer kürzeren Pausen mit immer wachsender Gewalt, kam der Sturm daher und trieb trotz der wenigen Segel das Schiff vor sich her, durch die immer wilder und höher schäumende Fluth.
Ich befand mich in dem äußern Kreise des wirbelnden Sturmes, der von Stunde zu Stunde wuchs; wohin aber zog die Mitte? Ihr mußte ich mit aller Gewalt entfliehen, so lange es noch eine Möglichkeit dazu gab. Mit großer Besorgniß beobachtete ich das Barometer, das bis 5½ Uhr Nachmittags ständig fiel, dann stand es, der Sturm hatte seine höchste Gewalt erreicht.
Ich wußte nun, da der Wind von Zeit zu Zeit in der nördlichen Richtung, woher er wehte, wenig hin und her umsprang, daß der Orkan nach Süden zog, seine Mitte vielleicht sehr weit entfernt im Westen lag. Aber doch war seine Gewalt so furchtbar, daß er den Athem benahm, und die See so wild und furchtbar, wie ich sie selten gesehen. Das Schiff ächzte in allen Fugen, den Kopf niedergedrückt in die brandenden Wogen, raste es vor dem heulenden Sturm dahin. Die Leute, zitternd und unfähig ernstlich noch zu kämpfen, festgebunden an den Pumpen, damit die überbrechenden Seen sie nicht mit fortrissen, arbeiteten, doch vergeblich; denn die Pumpen warfen kein Wasser auf, obgleich durch die donnernden Wogen, durch den heulenden Wind, das unheimliche Geräusch davon zu vernehmen war, wie die Wassermassen im Raume hin und her spülten; wenn das Schiff ein Spielball der Wogen recht schwer rollte, wollte es mir scheinen, als könne es sich nur schwer wieder aufrichten, die große Wassermasse im Raume drückte es auf die Seite und wenn diese reißend anwuchs, konnte es geschehen, daß das sinkende Schiff sich auf die Seite legte, um sich nie mehr aufzurichten.
Mit andern Mitteln dem Verderben zu wehren war unmöglich, keine Luke konnte geöffnet werden, denn fußhoch spülten die Wellen über das Deck, die Wassergewalt war so groß, daß an beiden Seiten die Verschanzung zum Theil weggerissen war, und jede von hinten oder seitwärts aufstauende See fegte Wasserberge über das Schiff.
So konnte es nicht weiter gehen, ich sah den Untergang vor Augen, nicht die wilde See und den rasenden Sturm fürchtete ich, vielmehr das steigende Wasser im Schiffsraume, das in absehbarer Zeit uns in die Tiefe des brüllenden Ozeans ziehen mußte. Das Schiff an den Wind zu bringen, war das einzige, was noch geschehen konnte, aber ob es nicht schon zu spät, ob bei dem Versuche nicht eine einzige wilde See, die mit voller Gewalt beim Anluven sich über das Schiff brechen mußte, genügte, dasselbe auf die Seite zu drücken und es mit allen an Bord verschwinden ließ! Das ließ sich nicht sagen. Das Untermarssegel stand noch immer wie ein Brett geschanzt, dahinter setzte sich der Sturm und so klein auch die Fläche Leinewand war, mit größerer Gewalt und Geschwindigkeit war das Schiff noch nie durch die Fluthen getrieben worden. Dies Segel mußte verschwinden wollte ich das gefährliche Manöver noch ausführen, solch Oberdruck, wenn erst der Wind von einer Seite einfiel, mußte verderblich werden. Der Gedanke, das Segel noch aufgeien und bergen zu können, wäre thöricht gewesen, keiner meiner Leute, mit denen, vom Japanesen abgesehen, gar nichts mehr anzufangen war, hätte auch nur den Versuch gemacht, den wie eine Gerte hin und her schwankenden Mast zu erklettern.
Ein matter Tagesschimmer lag noch über dem erregten Ozean, den furchtbaren Kampf der Elemente verdeckte noch nicht die dunkle Nacht — so durfte ich denn nicht mehr zögern, vielleicht beschleunigte ich das unabwendbare Schicksal, vielleicht auch, war das Manöver, wenn es gelang, unsere Rettung.
Mit Kitimatu besprach ich das Nothwendigste, er sollte mit einigen Leuten vorne im Schiff aufpassen, vorerst die Schoten des Marssegels fliegen lassen, damit dieses in Stücke peitschen könne, dann das dichtgereffte Vorstagsegel setzen, während ich hinten ein wenig das Großsegel anhissen lassen wollte, um durch dessen Druck das Schiff schnell an den Wind zu bringen. Ehe aber die Mannschaft verzweifelt und muthlos, wie es kaum anders von solchen braunen Menschen erwartet werden konnte auf ihren Posten stand, fegte plötzlich der Sturm mit seiner wildesten Gewalt daher, die See war nur ein Schaum, keine hohe Welle hob sich — es war, als hielt der Druck der Atmosphäre die schäumenden Wogen nieder — da, ein furchtbares Krachen, das den heulenden Sturm übertönte, das Marssegel, gespalten und mit wenigen Schlägen aus seinen Tauen geflogen, flog im Winde wie leichtes Papier dahin. Vor Top und Takel lief jetzt das Schiff. Hatte es aber vorher den von hinten heranstürmenden Wogen entrinnen können, so drohten diese nun, da die Geschwindigkeit vermindert worden, über das Heck herein zu brechen.
Kaum hatte ich diese Gefahr in den wenigen Augenblicken erkannt, so rollte auch schon eine furchtbare Woge heran, die grüne Kopfmasse glitzerte selbst schon im Abenddunkel — das Herz im Leibe machte die Erwartung, was die nächste Sekunde bringen mußte, stille stehen — den unvermeidlichen Tod, wenn diese Woge das Schiff überlief. Als wollte das Schiff sich in seine Länge überwerfen, so hoch auf dem Kamm der Woge hob sich das Hintertheil, dann brach die See. Instinktmäßig sprang jeder fußhoch in die Wanten, um von der brüllenden Gischt nicht fortgerissen zu werden, das Deck war sogleich von der See überspielt, daß nur die Masten, das Karten- und Deckhaus hervorragten. Krachend waren beide Boote unter ihre Träger gepreßt, die Böden eingedrückt worden und vollgefüllt mit Wasser waren die starken Befestigungen wie Bindfaden zerrissen.