Eine zweite See, eine dritte kam heran, gleich drohend und verderbenbringend, dann war es still, als hätte die Wuth des Meeres ausgetobt — jetzt oder nie war der Augenblick gekommen, das Schiff an den Wind zu bringen. Indem ich Kitimatu das Zeichen gab, sein Segel zu hissen, und selbst den letzten Halt des Großsegels fahren ließ, dem Manne am Ruder den Befehl gab, das Steuer nach Backbord zu legen, wirbelte unter dem Drucke der Leinewand das Schiff herum, und die nächste See schon, wie ein Wasserberg herankommend, faßte es von vorne.

Doch war die Gewalt des Windes groß, als wir vor der See liefen, war diese, von vorne kommend, derart, daß man den Kopf wegwenden mußte, um geduckt hinter der Verschanzung, nur athmen zu können. Mit dem letzten harten Stoße hatte sich der Wind etwas nach Osten gedreht und da dort der Kopf des Schiffes den Wellen zugekehrt war, so brachen diese nicht so schwer über das stampfende Fahrzeug. Aber schlimmer kam es. Das Vorsegel nicht ganz aufgehißt, holte zu furchtbaren Schlägen aus; ehe ich selbst bei der jetzt herrschenden Dunkelheit nach vorne gekommen, war schon das Vorstag gebrochen; das neue Segel an seiner Schot nur noch gehalten, wehte, auf die heranrollenden Seen peitschend, in Lee. Dieses bargen wir; doch was schlimm war, der Vordermast hatte seinen besten Halt verloren, und, konnte der Schaden nicht ausgebessert werden, so brachen die stehenden schwächeren Befestigungen, brach auch durch das furchtbare Arbeiten des Schiffes der Mast und mußte, um das Schlimmste zu verhindern, gekappt werden.

Hatte der Japaner in den Stunden der höchsten Gefahr gezeigt, daß er nicht nur ein unerschrockener Seemann war, so zeigte er jetzt kühnen Muth und Verachtung jeder Gefahr, ohne diesen Helfer wäre mir nichts gelungen. Die Pingelap-Leute hielten sich nur fest und kein Zureden, kein Schelten half — der böse Geist, sagten sie, sei gekommen und würde sie alle holen. —

Da keine Mittel zur Hand waren, in solcher Dunkelheit die nothwendige Arbeit auszuführen, so wurde zunächst das große zerschlagene Boot an Deck geführt, die Taljen abgenommen und mit diesen und dem zerrissenen Stag eine vorläufige Verbindung zwischen Mast und Bugspriet hergestellt, die stark genug war, dem Maste den verlorenen Halt wieder zu geben.

Als dies gethan war, mußte Wind und Wellen anheimgegeben werden, was ihre Gewalt uns noch Schlimmes zufügen wollte. In all der Noth dieser Stunden, in dem verzweifelten Kampfe mit den Elementen, hatte keiner mehr darauf geachtet, daß eigentlich um eine sinkende Planke gerungen wurde, bis der Augenblick gekommen, wo wir uns wieder darauf besinnen konnten und das im Schiffsraum so unheimlich spülende Wasser uns an die Gefährlichkeit unserer Lage mahnte.

Mit beiden Pumpen, die jetzt Wasser warfen, wurde unablässig fortgepumpt, standen wir auch bis zum Halse im Wasser, drohten die Seen uns wegzuspülen, wir mußten ausharren und die letzten Kräfte einsetzen. Es war ungefähr 10 Uhr Abends geworden, rabenschwarze Nacht umgab uns, bei der Arbeit war der Nebenmann nicht zu sehen, nur fühlen oder durch Anruf konnte man sich überzeugen, ob keiner fehlte, da öffneten sich die Schleusen des Himmels, eine Regenfluth stürzte herab, wie solche kein Wolkenbruch furchtbarer ausgießen kann.

Waren wir aber nicht im Stande gewesen, uns Lichter anzuzünden, so leuchteten plötzlich, gleich einer magischen Erscheinung, solche an den Enden jeder Raa auf, flüchtig erscheinend und schwindend. Es waren die Elmsfeuer, die durch Ausgleichung entgegengesetzter Elektrizitäten entstehen. So lange der furchtbare Regen anhielt, zeigten diese sich bald einzeln, auch zu mehreren, nur sekundenlang waren sie auf allen Raaen zugleich sichtbar.

Eine wunderbare Wirkung übte aber der strömende Regen; die See, so wild und furchtbar, beruhigte sich sehr schnell, das Zischen der weißen Schaumkronen verstummte allmählich und gegen Mitternacht, da auch in gleicher Weise der Sturm sich gelegt, hoben nur noch langlaufende Wellen das Schiff auf ihren Rücken, es war, als wenn der im wildesten Aufruhr tobende Ozean wieder ruhig zu athmen begann. Der goldene Morgen kam, so freundlich grüßte die Sonne vom wolkenlosen azurblauen Himmelszelt hernieder, als hätte sie nichts vom Verzweiflungskampfe der Menschen mit den entfesselten Naturkräften gesehen. Fast hätte man aus diesem Frieden, der wieder über den breiten Ozean gebreitet lag, schließen mögen, daß jener heiße Kampf um das Leben, nur ein böser, schrecklicher Traum gewesen sei, wenn nicht jeder Blick über das arg zugerichtete Schiff das Gegentheil bewiesen hätte.

36 Stunden unausgesetzter, schwerer Arbeit waren hingegangen, als endlich das Wasser im Schiff, das durch den verwaschenen Ballast nicht zu den Pumpen gelangen konnte und mit Eimern ausgeschöpft werden mußte, bewältigt war und auch so viel Segel wieder gesetzt waren, daß das Schiff langsam mit wieder leichtem Ostwinde durch die Fluthen zog. Am 30. Januar 1888 erreichte ich wohlbehalten den Hafen von Apia.

Unverändert in der äußeren Erscheinung fluthete auf Samoa das Leben, nichts verrieth, welche Kämpfe in einem Zeitraum von zwei Jahren hier gewüthet hatten, welch' Parteizwist die Bevölkerung zu blutigen Kriegen verleitet hatte. König Maliatoa war entthront und verbannt, Tamasessi, König von Samoa, gegen den aber, als Schützling der Deutschen, die feindlich gesinnten Häuptlinge zu Felde zogen, deren großer Zahl dieser König auch erliegen mußte, für die deutsche Sache floß selbst das Blut der deutschen Marine-Matrosen, die im heldenhaften Kampfe der Uebermacht erliegen mußten!