Die in den Hafen aus nordöstlicher Richtung einlaufenden Wassermassen mußten naturgemäß sich einen Abfluß suchen und fanden diesen, einen wirbelnden Strom verursachend, unter Land nach der See zu auslaufend. Dieser Strom, oft so breit wie das ganze Riff und namentlich im kleinen Hafen sich verbreitend, hatte zur Folge, daß die in diesem liegenden Schiffe dessen ganzer Gewalt ausgesetzt waren und ein Spiel der See und des Stromes wurden.
Aengstlich wartete jeder auf den Ausbruch des Orkans; die wilde See kam bei vollständiger Windstille heran, aber so schwer und hoch, daß, hätte hinter dieser die Gewalt des Windes sich gesetzt, das Unglück jetzt schon eingetreten wäre, das ein Jahr später so vielen Schiffen verderblich geworden ist und hunderten deutscher Seeleute ein frühes Grab bereitete. Wo an diesem Tage die „Olga“ mit Erfolg der wilden See widerstand, sank 1889 der „Eber“ mit seiner ganzen braven Besatzung, von den Wogen hinabgerissen unter das hohle Riff, das selbst die Todten nicht zurückgab.
Ein Schiff nur widerstand der Gewalt der Seen nicht; im großen Hafen an jener Stelle, wo keine steinigen Riffe das Ufer umsäumen, wurde es hoch auf den Strand geworfen, es ist dies derselbe Ort, auf welchen 1889 die „Olga“, nachdem ihre Ankerketten zerrissen, von den Wogen geschleudert worden ist, der einzige Punkt, wo es möglich ist, ein gestrandetes Schiff wieder flott zu machen.
Die gefürchtete Nacht kam mit ihren Schrecken — doch der erwartete Orkan blieb aus, wo dieser geweht, welche Inseln er mit seiner verheerenden Gewalt heimgesucht, wer konnte das sagen! Samoa verschonte er dieses Mal, um dafür ein Jahr später desto furchtbarer zu wüthen, mit seinem mächtigen Arme die stolzen Schiffe und ihre braven Besatzungen in den Grund, in den Tod zu wirbeln. —
Meine Absicht, die deutsche Heimath nach langer Abwesenheit wieder aufzusuchen, konnte erst im Monat Mai zur Ausführung gelangen und, da in Apia Mangel an Schiffsführern war, mußte ich die Aufsicht über die Ausbesserung der „Futuna“ aufgeben und mehrmals noch kürzere Fahrten nach Tutuila und anderen Orten unternehmen. Unter anderem hatte ich im Monat März nach den Tonga-Inseln zu segeln; als ich am 27. März im Hafen von Vavau „Neiafu“ zu Anker lag, lief dort ein englisches Segelschiff, von den australischen Kolonien kommend, ein, dieses brachte die Trauerkunde von dem Ableben unseres Heldenkaisers „Wilhelm des Großen“, der am 9. März seine irdische Laufbahn vollendet hatte.
Ich konnte diese Kunde nicht sofort nach Samoa bringen, weil ich erst nach den Keppels-Inseln, Niuatobutabu, segeln mußte, deshalb setzte das englische Schiff seine Fahrt nach Samoa fort.
Auf Niuatobutabu angelangt, senkte sich dort, sobald der Tod des deutschen Kaisers bekannt geworden, die Flagge des Königs Georg von Tonga, als Zeichen der Trauer für den ruhmgekrönten, edlen Herrscher. War doch sein Name und seine Thaten selbst diesem weltentlegenen Inselvolke nicht unbekannt geblieben; unter ihnen lebende Deutsche hatten in mancher Mußestunde den staunenden Eingebornen von dem mächtigen Volke erzählt, über das der große Kaiser geherrscht, das er zu großen Thaten, zu ungeahnter Höhe geführt.
So lange ich auf Niuatobutabu weilte, drei Tage, wehten die Trauerflaggen sowohl an Land wie an Bord des außen am Riffe in bewegter See verankerten Schiffes.
Auch diese Inseln sah ich zum letzten Mal. Nachdem ich Abschied genommen, segelte ich am dritten Tage in später Nachmittagsstunde weiter, jedoch frei von den Riffen, begann das Schiff durch die querlaufende See heftig zu rollen — ich suchte westlich von Boskaven zu passiren, um nicht gegen Wind und See zu kreuzen, da ich hoffen konnte, den freien Ozean zu gewinnen ehe die Nacht hereinbrach.
Nachdem an Deck vorher alles gut zur Reise versichert war, ließ der Obersteuermann Goede noch die Pumpen ansetzen, ehe die Mannschaft, Niueleute, theils auf ihren Posten, theils zur Ruhe ging. Da plötzlich — ich war in die Kajüte hinabgegangen die Papiere zu ordnen — erscholl der Schreckensruf „Mann über Bord“ und an Deck springend, sah ich eine Schiffslänge hinter dem Schiffe den Obersteuermann noch auftauchen.