Von altersher hat das Volk an dramatischen Vorführungen seine Freude gehabt, sowohl als andächtiger Hörer, wie als eifriger Mitspieler. Die Uranfänge dieser dramatischen Betätigung liegen teils in dem vorchristlich-heidnischen Mythos der Zwölfnächte, in denen, als in der Zeit der wiederkehrenden Sonne, die Götter lohnend und strafend Umzüge halten, teils in den Mysterien der altchristlichen Kirche. Heute noch ziehen zur Weihnachtszeit, wie in den alten Zeiten, in Norddeutschland der Schimmelreiter, der Breithut, Wotans wilde Jagd, Berchta und Holle, mehr nach dem Süden zu in mehr oder weniger christlicher Aufmachung der Pelzmärtel, der Knecht Ruprecht, St. Niklas und andere Göttergestalten umher. Die Kirche, die sich mit ausgezeichnetem Geschick dem alten Volksglauben anzupassen verstand, legte schon das Fest der Geburt des Heilandes in die mit mystischem Geiste erfüllte Zeit der Wintersonnenwende. Die alten Götter mußten sich eine Umtaufe in Gestalten der christlichen Legende gefallen lassen. Götter und Bräuche der Julzeit wurden leicht mit den ansprechenden Verhältnissen und Personen des Weihnachtsevangeliums verquickt. So kam christlich-religiöses in den germanischen Gotteskult, aber umgedreht drang auch liebes Altgewohntes und Schwerzuvergessendes in den christlichen Volksglauben ein.
Die Kirche war bestrebt, dem neuen Feste einen mystischen Zauber zu verleihen, wußte sie doch, daß sie damit die schlichten Naturmenschen unwiderstehlich in ihren Bann zog. Daher wirkte sie durch prächtige Gewänder, Weihrauch, Lichter, durch süße schmeichelnde Gesänge auf die Hörer ein, ja sie verschmähte auch die dramatische Darstellung des Weihnachtsmysteriums in ihren Gotteshäusern nicht. Dies dürften auch die Anfänge der deutschen Schauspielkunst sein. Aber wie das griechische Drama aus dem Geiste der Musik entstanden ist, so wurden auch die ältesten Weihnachtsspiele gesungen und zwar lateinisch. Dies schloß zunächst eine Mitwirkung der Laien an den Spielen vollständig aus. Die Kirche mochte wohl erkennen, welche tiefe Wirkung sie mit diesen Darstellungen auf ihre Gläubigen ausübte und war bemüht, diese Wirkung noch zu vertiefen, dadurch, daß sie die Spiele volkstümlich gestaltete. Nach und nach trat ein Laie nach dem andern in die Darsteller ein. Mehr und mehr erklangen deutsche Laute, ja endlich blieben nur die eigentlichen überirdischen Aussprachen, wie das Gloria der Engel, das Ave Maria lateinisch bestehen. Mit dem Eindringen des Volkes in diese geistlichen Spielergesellschaften traten gewisse Elemente in die Dichtungen selbst, die wohl zunächst von der Kirche nicht beabsichtigt waren, dann stillschweigend geduldet wurden, bis sie endlich eine Gefahr für die ganze Weihe des Ortes und der Handlung bildete. Das Volk drückte seine Gefühle des Wohlwollens mit einzelnen Personen und Verhältnissen anders aus, wie die gelehrte Geistlichkeit es wünschte.
Die in alten Zeiten herrschende Derbheit, ja Rohheit ließ die Spiele nicht unberührt, allerhand Allzuweltliches mischte sich hinein, es entstanden Unzuträglichkeiten, die schließlich den Geistlichen die Teilnahme an den Spielen verboten und diese aus den Gotteshäusern verwies. Die Spiele waren für die große Masse des Volks berechnet und dieses wollte sein Vergnügen haben, darum mengte es Heiliges und Possenhaftes seelenruhig durcheinander. Man ist ehrlich überrascht, wenn man sich in dieses alte Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter echter Volksliederton. Wie nüchtern und einsam kommen uns die paar Weihnachtslieder vor, die unseren Christfeiern geblieben sind.
Ebenso stark ist aber auch eine gewisse Befremdung über den unerhört freien und kecken Ton, in dem hier die heiligen Gestalten und Ereignisse behandelt werden. Die allzu große Intimität und Heimatlichkeit möchte uns fast zweifeln lassen, ob nicht etwa hier schon gespottet wird. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit geworden. Draußen auf dem Feld am Bergwald hat sich alles zugetragen. Zwischen die Veitel und Stöffel, Matz und Jaköbl platzt auf einmal so ein unerhörtes Geschehnis, wie das Erscheinen eines Engels, hinein. Doch man betrachtet die Sache mit gutem Humor. Es geht so gemütlich zu, daß man das »Fürchtet euch nicht!« des Engels recht unnötig findet. Der Joseph ist ein alter Mann, schon so zittrig, daß er den Brei des Christkindleins verschüttet, er geht ganz krumm und hustet fortgesetzt. Man muß es recht deutlich merken, daß er viel zu alt ist, um der natürliche Vater des Kindleins sein zu können. Und der König Herodes ist doch ein recht dummer Teufel, der sich von den drei Weisen und dem Engel Gabriel nasführen lassen muß. Ueberhaupt, was an biblischen oder dogmatischen Tönen erklingt, mutet fast etwas fremd an. Es klingt, als wenn in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und Liederverse aus dem Gesangbuch gemischt werden. Mir erscheint die volkstümliche Behandlung der biblischen Erzählung geradezu charakteristisch für den deutschen Volkshumor. Dieser verbindet gern einen kleinen Scherz, ja sogar einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht. Ist es bei Gottfried Keller, Wilhelm Raabe und Fritz Reuter nicht ebenso? Auf dem Gebiete der Religion haben wir diesen Humor durch die zeitweilige Einwirkung einer erkältenden Orthodoxie etwas verloren. Gerade dieser Humor ist ja alles andere wie eine Verhöhnung. Nur mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.
Die Freude an solchen Spielen war in Deutschland allgemein. Besonders in Schlesien und Süddeutschland waren sie zu Haus. Von hier brachten sie zuziehende Bergleute, die das Gerücht von dem fabelhaften Silberreichtum des Erzgebirges von ihrer Heimat weglockte, in unsere Berge. Nicht gedruckt oder handschriftlich wurden sie mitgebracht. Einer oder der andere hatte zu Haus schon den Joseph, den Wirt oder einen Hirten gespielt. Seine Rolle kannte er genau, die anderen waren ihm zum Teil auch geläufig. Was noch fehlte, konnten andere ergänzen, die ebenfalls zu Haus an solchem Tun teilgenommen hatten. Im Notfall wurde auch ein Verslein hinzugedichtet. So sind jedenfalls die erzgebirgischen Weihnachtsspiele entstanden.
Es erscheint unzweifelhaft, daß sie hauptsächlich aus Schlesien zu uns gekommen sind. In dem grundlegenden Werke »Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien« von Dr. Karl Weinhold (ordentl. Professor an der Universität Kiel, neue Ausgabe 1875 bei Braumüller in Wien erschienen) treten einige schlesische Spiele auf, die man ohne Zweifel als die Urformen der erzgebirgischen Spiele ansehen kann. Man vergleiche das nachfolgende Christkindlied aus Niederschlesien mit dem Beginn der später in diesem Hefte angeführten Wiesaer Engelschar.
Der Engel tritt ein, weißgekleidet, in der Hand ein Schwert und singt:
Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch neue gute Mär,
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing und sagen will.
Das Christkind tritt ein, bunt gekleidet, in der Hand eine Rute und singt:
Ein schön guten Abend geb euch Gott,
ich komm herein ohn allen Spott.
Hat es auch fromme Kinder innen,
die fleißig beten und singen künnen,
die fleißig in die Schule gehn
und züchtig vor dem Tische stehn.
Wenn sie fleißig beten und singen,
so werd ich eine große Bürde bringen.