Vergnügt erwiederte die Frau: „Das ist freundlich. Aber du hast die Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir gesehen.“ — „Gott weiß, warum,“ entgegnete die Künstlerin. „Zuweilen ist man eben voller Lust und Uebermuth — und das ist die Hauptsache bei der Schauspielkunst.“ — „Bei jeder Kunst!“ versetzte Heinrich.
Die Schauspielerin sah für sich hin. „Nun,“ bemerkte sie dann etwas scheinheilig, „Sie haben sich also überzeugt, daß man in einer Rolle, die aus dem gewöhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung machen kann?“ — „Das habe ich nie bezweifelt,“ entgegnete Heinrich, „aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht für möglich gehalten. Es war eben ein non plus ultra,“ fügte er lächelnd hinzu, „und die reißen immer hin.“
Die Künstlerin wiegte den Kopf. „Sie geben also zu, daß es auch gar keine so schlechte Aufgabe wäre, ein Schauspiel zu schreiben?“ — „Um so lieber,“ versetzte der Poet, „als ich’s nie geläugnet habe. Das Schauspiel in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, obschon —“ — „Es natürlich tief unter der Tragödie in Versen steht,“ ergänzte Rosa, „das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von Barnhelm —?“ — „Dieses Stück,“ erwiederte Heinrich nach einigem Besinnen ernsthaft, „ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist doch zu viel bürgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas hausbackenen Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken, hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. — Das poetische Drama, die Schöpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine große, weite, farbenreiche Welt führt, ist doch was ganz anderes.“
Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Ei, ei,“ entgegnete sie, „das heißt leicht fertig werden mit einem Stück, das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung überall auf dem Repertoire geblieben, und das muß doch seinen Grund in einem Werth haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.“
Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen, um ihm über eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht eine empfindliche Replik zur Folge gehabt hätte. Während der Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fühlte nun, daß er etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing’sche Komödie zurück, rühmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters, vermöge deren er dem bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu verleihen gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als er zum Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam und über ihre Auffassung und Durchführung bestimmte ästhetische Urtheile fällte, die fast noch schmeichelhafter klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, da sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen.
Nach einer Weile begann sie: „Wann bekommen wir aber Ihre Schöpfung, die Tragödie zu lesen?“ — Der Poet versetzte: „In einer Woche soll ich die Abschrift erhalten. Diese wird in’s Bureau der Intendanz wandern, mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Füßen legen.“ — „Sehr viel Ehre,“ erwiederte sie heiter. — „Aber,“ fuhr sie nach einigem Besinnen fort, „können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen — oder selbst vorlesen? — Sie haben gewiß lyrische Gedichte gemacht.“ — „Allerdings.“ — „Liebeslieder!“ — „Auch solche,“ versetzte der Poet lächelnd. — „Natürlich,“ rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. „Nun, wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen, auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann können Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück selber vorlesen, was unter Umständen sehr nützlich seyn kann.“
Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergnügen zu. Man schied im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.
Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter: „Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch ein guter Mensch!“ — „Das erste,“ versetzte die Mutter, „hast du ihn vorhin beinahe zu deutlich fühlen lassen.“ — „Konnte nicht schaden,“ erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: „Auf seine Liebesgedichte bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn.“ — „Wer weiß!“ bemerkte die Mutter. „Es ist ein hübscher Mann und die Poeten —“ — „Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schön herauskommt, dann soll er doch Lob haben.“
Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergnügt den Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater gemiethet hatte. „Sie hat Recht,“ sagte er zu sich, „wenn sie das Stück von Lessing hoch hält; aber ich hab’ auch Recht. Wie geistreich und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das überschwängliche holde Leben, und wir können uns baden in einem Meer von Wohlgerüchen.“
Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte. Das Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert, begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen. Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewählt, die eben so anspruchslos wie hübsch waren; der aufrichtige Beifall der Hörerinnen entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit. Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefühls gar nicht mehr weiß, daß es eine Befangenheit gibt.