Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern vermißten sie den wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt durch herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit einem ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als Anerkennung ausdrücken sollte, oder mit einem Ausruf begnügen, der etwa bedeutete: „Nun ja, lassen wir’s passiren!“ — In seinem Eifer machte er sich aber nicht viel daraus, wenn er’s auch richtig deutete, und im Ganzen war die Lobernte doch überwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine leidenschaftliche Erklärung völlig und ewig sich hingebender Liebe.
„Sehr schön!“ rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte mit Ernst: „Bei weitem das schönste! Das innigste Gefühl, edler Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das,“ setzte sie mit einem leisen Lächeln hinzu, „das ist Poesie!“ — Heinrich antwortete auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah dann auf den Tisch und sagte: „Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist, so ist’s auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen abgeschrieben, und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!“
Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß unwillkürlich zusammen und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa’s folgte einer leichten Blässe rasch eine tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: „Sie haben eine Braut? Und davon haben Sie uns noch nichts gesagt?“ — „Es fand sich noch kein Anlaß dazu,“ erwiederte Heinrich. — „Nun,“ rief das Mädchen, die sich völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, „davon müssen Sie uns mehr erzählen! — Das Idealbild,“ fuhr sie nach kurzem Innehalten mit Lächeln fort, „haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel größern Antheil.“
Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht über Entstehung und Gang des Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste’s ihnen eben die größte Freude zu machen, und that sich nun Genüge nach dem Bedürfniß eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf das geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.
Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen vermocht hätte, ein eigenes Schauspiel gewesen, das Mädchen zu beobachten, deren Herz, mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, als die meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe und leide Gefühle können in ihr so rasch wechseln, daß man an ein förmliches Zugleichseyn glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glück ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie ließ nicht nach mit Fragen, als ob es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst standen ihr bei, und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen, in nichts zu verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im tiefsten Grunde zartes Gefühl eingab.
Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter: „Unter diesen Umständen muß es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles wünschen, daß Sie ihn erringen.“ — „Allerdings,“ fügte Rosa hinzu, die ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich Glücklichen betrachtet; „und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie können, was nicht von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn Sie nämlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein, wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen Sie nun, daß wir Ihre Tragödie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen ein, und Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so lieber lernen und um so besser spielen.“
Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natürlichen und poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, daß die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glücklichem Gemüth.
Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin und her. Die letztere that eine häusliche Frage und horchte auf die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen. Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der Mutter deutlich, von welchen Gefühlen sie beherrscht war.
Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich, ohne daß sie in eine ernstliche Herzensbeziehung wäre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen sage nennen, und ließ sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen Annäherungen immer einen Schritt zurück, was dann die Folge hatte, daß sie als „kalt“ verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar, hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und darüber die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie sammelte sich daher in dieser Hinsicht keine „Erinnerungen,“ und ließ sich an ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender Lektüre genügen. Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worüber sich nur diejenigen wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, muß man nicht, was man sagt, geliebt haben, so daß man darnach seine eigenen Erfahrungen spielt, es genügt die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin, mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem Leide erfuhr.
Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen nach der ersten Begegnung auf der Straße. Davon war die Ursache nicht nur seine jugendlich männliche Schönheit, sondern der Schein des Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das lächelnerregende gelinde Ungeschick eher nützte als schadete. Als sie in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und die erste Unterredung ließ geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen, wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu können glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schätzung des classischen Stücks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund eben in der näheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwäche ärgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die ersten erotischen, aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, stimmten zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung des Verlobten die zarte Maienblüthe ihres Glücks mit einemmal hintilgen!