Die Mutter, als Rosa sich endlich in’s Lesen zu finden schien, ging in die Küche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das Heft weglegend, bemerkte: „Da hab’ ich nächstens wieder ziemlich geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen sollen, mit einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kämen!“ Die Mutter, ernst lächelnd, erwiederte: „Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens gehört das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen, so müssen wir dagegen den mittelmäßigen beistehen.“ — „Eine Pflicht, die zuweilen sehr lästig werden kann,“ erwiederte Rosa mit einem Seufzer. Sie fuhr über ihre Stirn und sagte: „Ich bin müde und mein Kopf ist eingenommen. Am Ende,“ fuhr sie mit halbem Lächeln fort, „ist’s der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. — Sey’s was es wolle, ich geh’ zu Bette.“ Sie reichte der Mutter die Hand und sagte mit weicher Stimme: „Gute Nacht, Mutter!“
Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und erwiederte herzlich: „Schlafe wohl, mein Kind!“ Beide sahen sich an und der feuchte Glanz ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: „Dummes Zeug! Gute Nacht, Mutter!“
Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile nachdenkend und sagte dann: „Ich hoffe, es wird vorüber gehen. Allerdings ist’s ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie selber zu wissen scheint. Aber das Mädchen ist verständig und hat Charakter — sie wird’s überwinden.“
Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestärkte. Am andern Morgen nach jenem aufklärenden Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und endlich unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit der Mutter und benahm sich fast ganz wie ehedem. Die Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte, spielte sie mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach Hause zurück.
Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie kam, wurde er von Mutter und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von der Künstlerin mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. „Endlich,“ rief sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, „haben wir es! — Und das andere?“ fuhr sie nach einem Moment fort, „haben Sie’s eingereicht?“ — „Heute,“ erwiederte der Poet. „Der Herr Intendant war nicht zu sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem Schreiben eingesiegelt —“ „Gut,“ rief die Künstlerin. „Mögen unsere Geschicke sich nun erfüllen! — Ich bin sehr neugierig, besonders nach der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist — auf die Heldin.“
Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. „Ich bitte nur,“ sagte er dann, „das Stück im Zusammenhang, Scene für Scene, und da es denn doch eine Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.“ — „Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit Liebe werde ich’s lesen,“ erwiederte Rosa lächelnd. — „Um so besser,“ versetzte Heinrich. „Eine Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten sind eine Art von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden Appetits.“ — „Da haben Sie’s bei mir eben getroffen,“ versetzte die Schauspielerin. „Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fühle, ist nicht nur Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich der beste Koch und kann auch —“ Sie unterbrach sich selbst und fuhr mit zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: „Genug, ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu würdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die Lektüre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren.“ — „Und ich,“ versetzte der Poet mit glänzenden Augen, „glaube Ihnen und sage Ihnen dafür den besten Dank.“
Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: „Es ist ein großes Glück für mich, daß ich so liebenswürdige Gönnerinnen gefunden habe. Ich weiß es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir’s nur auch ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur immer mehr bedürfen — und sie mit der dankbarsten Verehrung erwiedern.“
Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter: „Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten können. Sie sind uns von einem braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und in der kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten von Ihnen das Beste —“ — „Nun,“ rief die Tochter mit gütigem Blick, „und wenn es Sie beruhigen kann — so lassen Sie uns Freundschaft schließen, treue Freundschaft! —“ Sie bot ihm die Hand, Heinrich ergriff und drückte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge ging.
„Sie sind verlobt und glücklich,“ fuhr das Mädchen mit edlem Ausdruck fort, „und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu wünschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun.“ — Sie hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte, fügte sie hinzu: „Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir gelegentlich eine hübsche Rolle schreiben.“
„Oh,“ rief Heinrich, „mit dem größten Vergnügen! Seit ich Sie als Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen über den bezaubernden Reiz einer ächten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es wäre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber lassen wir den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein — Ihre Kunst, Ihren Charakter, Ihre Herzensgüte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.“