Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, beglückt, gerührt, ihm nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter deßgleichen.

Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur Mutter: „Ich wünsche von Herzen, daß das Stück sich bewährt und auf dem Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende Mischung von Geschick und Ungeschick, Verstand und Naivetät — von einer Naivetät, die andere vielleicht Blindheit nennen möchten —“ — „Ein Dichter,“ fiel die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens ein, „der mehr in einer Welt der Träume als in der wirklichen zu Hause ist. Die Erfahrung wird ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die Herzen für sich zu gewinnen vermag.“ — „Vielleicht,“ erwiederte Rosa, die nachdenklich dagestanden, „hilft sie ihm auch beim Publikum durch — es gelingt der erste Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.“

Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem plötzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen, in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden hatte, und da sie dem jungen Mann, für den eine Neigung in ihr entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so glaubte sie in dem erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner Freundin, seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.

Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, die, wie rasch immer, sich einmal in’s Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder vergeht oder in ein anderes Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr und mehr einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nährt und aus der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit Großmuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann. Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert bleibt, so ist eben damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewußt seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne Lohn ist edler und größer.

Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von Empfindungen getaucht, die ihr gänzlich neu waren und deren Schauer sie mit Staunen erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt, und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn mitwirkte. Die Gefühle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder Neigung war das Mädchen durch ein Zusammentreffen von Umständen an der Bühne nicht beschäftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren, sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die vielmehr gepflegt und genährt wurde.

Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es freilich in ihr zu beben und zu glühen, und sie fühlte: wenn das dauerte, wär’ ich verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen Empfindungen, die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich frischer Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl nichts zurück, als eine milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschließen wußte.

Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. „Was ich jetzt habe,“ sagte sie sich einmal, „ist mir doch lieber, als meine frühere leichte Fröhlichkeit. Ich würde mir’s nicht mehr nehmen lassen! — Wer weiß? Vielleicht ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die Andere ist glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an Ruhm auf dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.“

Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der Tragödie gekommen war. Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu, das Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie immer wieder zögern ließ. War es die Besorgniß, die Dichtung möchte nicht gelungen seyn, der Geliebte möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor hatte errathen lassen? Die Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu unähnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher Demüthigung, unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden? Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl indeß wieder und wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu halten, größeres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las.

Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen verstiegen, nicht eigentlich schadete; glühende, tiefe Liebe zweier Personen, die für einander geschaffen und einander werth waren; heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf zu treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.