Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten, gefürchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglänzten Landschaft, in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten sich drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die Liebe, die Treue siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken treten auf, nähern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll unwiderstehlich dienen zu können scheint.

Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung allerdings zu lang und einzelne Scenen in der zweiten Hälfte nicht klar, nicht schlagend genug. Aber beiden Uebelständen kann durch Streichen und theilweises Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen großen romantischen Prospekt eröffnen und durch die eigenthümliche dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben.

Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre hinaus begabt war, fühlte sich zufrieden und wahrhaft glücklich. Sie freute sich im Namen des Poeten, der sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen; sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strömte; und — sie freute sich über sich selber, daß die ihr allerdings nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fühlen konnte, ihr vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der Geist die Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.

Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich freute, wollte für jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fühlte sich durch das Bisherige schon eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergötzen, ihn wollte sie in der Seele tragen und den Genuß des verheißenen guten Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne doch schon jetzt vertieft und erhöht — durch die Achtung, die er ihr eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung, um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! — Sie stand auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn wollenden Gemüths.

Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine neue dramatische Arbeit begonnen — wieder ein Trauerspiel. Dieses freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und auf seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf besaß und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin dem Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm nun der Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des Dramas in der neuen Dichtung vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein schien ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, während er sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wünschte, von der Höhe, zu der er sich berufen halten mußte, doch einigermaßen herabzusteigen schien.

Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn, und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit, die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einführer als Dramatiker vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt gemacht, der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn — so hieß derselbe — bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald, daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich dieß vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen an den Tag zu legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er erkundigte sich nach dem Stück, und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt, daß er unwillkürlich über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern dadurch als ein Mensch erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen könne. Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem dunkeln Nachthimmel mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und Gesprächeslust hell erleuchtet waren.

Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: „An der hiesigen Hofbühne ist eine neue Tragödie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und durch eine edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. Der Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit einem neuen Stück beschäftigt.“ — Heinrich, der das Blatt in einem Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch die öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich zurückfuhr. Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergnügen, mit so viel Ehren genannt zu seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den wahrscheinlichen Effekt auf Publikum und Intendanz und verließ die Restauration mit den angenehmsten Empfindungen.

Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. Mit einem Lächeln, worin Bonhomie und gemüthliche Satire bis zur Liebenswürdigkeit gemischt waren, rief dieser: „Nun, ich gratulire! Sie haben doch gelesen?“ — „So eben,“ erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand reichte. „Es freut mich, und ich muß Ihnen für die Bekanntschaft nochmal herzlich danken.“

Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: „Er muß sehr für Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so rasch bei der Hand.“ Heiter für sich hinsehend schwieg er einen Moment. „Apropos,“ setzte er dann hinzu, „haben Sie die beiden Herrn schon besucht?“ — „Besucht wohl,“ erwiederte der Dramatiker, die Regisseure verstehend, „aber nicht zu Hause getroffen.“ — „Ich habe vorgestern,“ sagte der Andere, „mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen früh zu ihnen, beide werden zu Hause seyn.“

Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte sich im Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich doch lauter freundliche, liebenswürdige Leute hier getroffen habe und alles nur immer besser sich anlasse.