Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man sah ihm an und fühlte auch durch seine Höflichkeit hindurch, daß er seit Jahren Heldenväter spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er dem jungen Dramatiker, daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im höheren Styl darin zu finden, die er zur Aufführung befürworten könnte. Denn man möge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache für das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie die hiesige, gepflegt werden.
Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte die Hoffnung aus, daß seine Tragödie, für deren höhere Haltung er einstehen könne, auch als wirksames Theaterstück sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie wohl noch seyn!
Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. „Wenn das Stück nur sonst gut gebaut ist,“ sagte er dann, „den Uebelstand der Länge wollen wir schon beseitigen.“ Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln, in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs in seine Verse einen leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, dieß gewahrend, fuhr fort: „Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern an’s Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern für ihre schönsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem Besten, und ich würde Ihnen rathen —“
Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: „Herr Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie zur Verfügung. Verfahren Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler wie Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche, damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser wirke.“ — „Darauf,“ erwiederte der Regisseur, „können Sie sich verlassen! Das Theater und der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück zum Lesen und ein Stück zum Aufführen ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann, wird auf der Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, sehr unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie würden die meisten deutschen Bühnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. — Vertrauen Sie,“ fuhr er lächelnd fort, „in dieser Beziehung ganz den Schauspielern. Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen Sie später auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das läßt er sich nicht nehmen.“
Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrückend, gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, daß der Künstler geradezu für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das Stück ein günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der Einsicht an, die der junge Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: „Was ich für Sie thun kann — natürlich in Uebereinstimmung mit den Interessen der Bühne — das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um so neugieriger darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen können.“
Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen Mann. Er fühlte, wie sich ihm der Boden unter den Füßen zusehends consolidirte, und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm empfunden hatte. Unmittelbar verfügte er sich zu ihm.
Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung verrieth, wurde er von einem länglichen, hageren Mann willkommen geheißen, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck stehend geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen zu lernen, einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich dieß aufdrängte, fühlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit hindurch, zu sagen schien: „Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brächte, das niemand genießen kann!“
Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte sich aber der Poet und empfahl seine Dichtung mit Würde, indem er hinzufügte: die Urtheile, die er schon darüber vernommen, berechtigten ihn zu der Hoffnung, daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen werde. — „O,“ rief dieser mit Emphase, „davon bin ich überzeugt! — Auch die Presse,“ fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, „hat auf das Stück bereits aufmerksam gemacht —“ — „Aber ohne daß ich dazu Veranlassung gegeben,“ fiel Heinrich ein. „Ich wurde selber davon überrascht.“
Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben ausdrückte, entgegnete der Schauspieler: „Fällt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um hinterdrein — Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. Aber ich muß Ihnen doch gestehen: Tragödien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles zu sagen — auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen, kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.“
„Wenn aber eine einschlägt,“ warf Heinrich ein, „dürfte sie doch —“ — „Ein Gewinn seyn?“ ergänzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte, „ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung gewiß.“