„Tragödien,“ fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lächeln fort, „können am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen werden.“ — „Natürlich nicht,“ erwiederte der Regisseur. „Was würden wir da mit unsern Tragikern — unsern Heldenspielern und Heroinen anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues Trauerspiel sehen.“ — „Zur Abwechslung,“ setzte der Poet hinzu, der auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. — „Ja wohl,“ versetzte der Andere, „und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten kommen — immer seltener —“ — „Bis sie endlich ganz verschwinden können!“ setzte der Poet halb fragend hinzu. — „Ich meinerseits,“ entgegnete der Schauspieler, „würde mich zu trösten wissen.“
Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte, lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: „Sie dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor. Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft, und meine Sphäre ist die Komödie, das Conversationsstück, und was so drum herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal ein Bösewicht an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist, und größere Ansprüche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon, daß das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflößt, und wenn dieser in Ihrem Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist für mich geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beiße, wenn’s eben nicht anders geht. So ist mir der Sinn für die Tragödie, den ich in meiner Jugend wohl auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schätzen kann, wie sie’s verdienen. Indessen,“ fügte er mit einer Miene hinzu, die es fast bis zum Ernst brachte, „meine Pflicht verlangt, den ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und wenn sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt — zählen Sie auf mich!“
Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt und die ernstliche Zusage ermuthigt, reichte dem Künstler dankend die Hand und beide schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter cordialen Betheurungen.
„Auch das,“ sagte der Poet auf der Straße zu sich, „ist besser gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stück hingibt —“ Er sah geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame, die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grüßend trat er zu ihr und betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und eine Güte, die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer Ernst, als er je an ihr wahrgenommen hatte.
„Es freut mich sehr,“ antwortete sie auf den Gruß, „daß ich Sie treffe! Ich hab’ Ihre Tragödie gelesen — anderthalb Acte —“ — „Nun?“ rief Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. — „Ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich außerordentlich angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht —“ — „O,“ rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger Ueberzeugung, „es muß noch besser kommen!“ — „Nun,“ versetzte sie, „dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen Erfolg auf dem Theater glauben. — „Ah,“ rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch die Brust ging, „das ist heute ein glücklicher Tag!“
Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und ließ deren Ergebniß unbewußt im besten Licht erscheinen. Rosa’s Gesicht erheiterte sich und sie rief: „Das geht ja gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch er Respekt davor, und überhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe Ihnen, ich freue mich außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und dann mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich damit fertig zu werden.“ Sie grüßte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater zu, wohin sie eine Probe rief.
Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd um. „Eine wahre Freundin!“ rief er weitergehend. „Sie nimmt wirklichen Antheil an mir und meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden habe!“
Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und die Fülle seiner Gaben noch nicht erschöpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten erfreuten, lauteten:
„Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt’ ich dir schon früher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch bei Vetter Kronfeld gewesen wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich längere Zeit nicht sah, hat mich förmlich in Affektion genommen, und ich mußte ihm beim Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter (die der Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt und kopfhängerisch ist) zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die erste freie Stunde, um dir zu schreiben.
„O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über Alles, daß es dir auch gut gehe und du für dein Streben, deinen Fleiß und deine Ausdauer nach Verdienst belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann sich mehr über dein Fortkommen und das Gelingen deiner Pläne freuen. Wie schön wäre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu schaffen vermag — von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum sollte es nicht möglich seyn? Dir trau’ ich zu, daß du alle Zweifler beschämen wirst.