„Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von großem Interesse für mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in deinem Namen recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich’s vorhielt, lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: „Ich meinte, er hätte sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf entbehren können.“

Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist sehr gut. Mache dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir nützlich werden können, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht aus, man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! — die schöne Künstlerin, die „einem andern gefährlich werden könnte,“ läßt mich doch auch für dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so „gefeit“ seyn, wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher? Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein Stück, wenn es nur gegeben wird, muß dem Publikum gefallen. Schreibe mir bald wieder.“

IV.

Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf’s angenehmste. Es ist gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens wird im sichern Herzen voraus empfunden.

Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß in wohlthuendem Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz hatte er bisher nur theilweise und flüchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere Betrachtung und erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, und während er sich dem Vergnügen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich war er ganz Empfänglichkeit und der Kritik völlig unfähig beim Beginn eines Stückes; er freute sich schon, daß es nur das gab, was ihm geboten wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde nur um so strenger und kühner. Er sah manches, was ihm vorbildlich erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dünkte und was er besser zu machen den Beruf hatte.

Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu gehen; allein die dämonische Persönlichkeit in seinem Stück war auch ungewöhnlich scharf gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht eben in seinem Interesse. — Die heroische Liebhaberin, die ihm schon als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans, und nach beiden Rollen mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit sie alle Prüfungen bestand, über beide hinausragte. Bei dem Applaus, den die Künstlerin errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen hatte.

Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die Fortsetzung, und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!

Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit ausdrückte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der Journalist, welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als Heinrich ihm bekannte, daß er in Journale seit längerer Zeit nichts geschrieben, weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch genommen werde, schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: „Da haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen müssen einem immer zur Verfügung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig auch als Referent und Kritiker thätig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blättern hat, also weder nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine Rücksicht mehr nehmen.“

Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht läugnen — unter gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er aber sein Streben und sein Talent für eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben würde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu haben.

Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem schelmischen Zug um den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, daß ihm auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey.