Dorn schmunzelte. „Das ist nicht zu wundern,“ sagte er. „Das Buch ist von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn, und so hab’ ich’s pseudonym herausgegeben.“ — „Ah,“ rief unser Poet, „das muß pikant seyn!“ — „Ich meine schon,“ erwiederte der Autor mit gemüthlicher Selbstgefälligkeit. „Aber bis jetzt hat es doch noch nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich erst bekannt werden. — Interessirt Sie’s?“ fuhr er nach einem Moment fort, „wollen Sie’s lesen?“ — „Wäre mir allerdings sehr lieb —“ — „So nehmen Sie’s mit nach Hause.“
Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung auf sich nahm. Allein er konnte schicklicherweise nicht zurück, steckte das Buch ein und verließ den guten Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.
Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in einem neuen Familienstück auf und führte die Partie eines Mädchens, die mit aller Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber nach hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit und Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, daß sie in den letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner schauten sich verwundert an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen getreten waren, fühlte sich überaus glücklich und namentlich auch dadurch befriedigt, daß er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit schon aufmerksam gemacht hatte.
Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein früheres Wort in’s Gedächtniß zurückzurufen. Das letztere gerieth ihm etwas mentorartig und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln. „Nun,“ sagte sie, „ich muß am Ende doch daran glauben, daß noch etwas mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,“ fuhr sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger fort, „kommt es wohl nur auf die Rolle an, die man erhält. Der Dichter schreibt vor, wir müssen ausführen, und — es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.“
Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig, aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin thäte wohl daran, von der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der Rührung und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war, obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf eine geringere Schätzung eben dieser Gabe von Seiten der Künstlerin, und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene Genugthuung sie dann empfinden würde.
Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war, sagte sie: „In Ihrer Tragödie hab’ ich noch nicht weiter lesen können; ich muß dazu ganz ruhig und gesammelt seyn.“ — „Ich dränge durchaus nicht,“ erwiederte Heinrich. — „Das ist mir lieb. Auch für die nächsten Tage geht’s noch nicht. Sie wissen, das Theater ist unberechenbar, und ich soll übermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle spielen, die ich fast ganz vergessen habe.“ — „Das verträgt sich allerdings nicht mit der Lektüre meines Stücks,“ versetzte der Poet, „und ich würde selber bitten, daß Sie sich von jetzt an möglichst im Zusammenhang erhalten möchten.“
Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig wäre — in acht, höchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn —, den Dichter zu sich bitten lasse. Heinrich meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er sich noch etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl sich, „des Rufes gewärtig.“
Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der Poet brachte den ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende und machte sich rüstig an den zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil der Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei fernere Tage ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei verstrichen, ohne daß Botschaft an ihn ergangen wäre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine dumpfe Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß, unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes möglich, er brauchte noch gar nichts Uebles zu fürchten bei einer so geringen Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte; aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des wirklichen Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belästigen anfingen.
Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu athmen begann.
Nach einer Weile sagte Rosa: „Sie kommen heute gelegen; ich hätte Sie morgen zu uns eingeladen.“ — „Sie sind also fertig?“ entgegnete der Poet lebhaft. — „Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt gelesen habe.“