Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde, daß er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zögernd fragte er daher: „Und Ihre Ansicht?“
Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich habe das ganze Stück mit dem größten Interesse gelesen.“ Heinrich nickte, indem seine Miene unwillkürliches Bedenken verrieth. „Und die Poesie, die Sie in den ersten Acten fanden,“ fragte er dann, „ist sie Ihnen auch in den folgenden erschienen?“ — „O, allerdings,“ erwiederte sie. „Es sind reizende Scenen darin, ergreifende, erschütternde Momente!“ — „Nun,“ versetzte der Autor, wieder beruhigt, „das ist schon etwas! Wie lautet aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab’ ich auf der Bühne zu hoffen?“
Das Mädchen sah ihn an und schien über die Antwort nicht mit sich in’s Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch zugleich mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: „Was den Bühnenerfolg betrifft, so getrau’ ich mir, offen gestanden, nicht, Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.“
Der Poet war betroffen, ja bestürzt. „Ah,“ rief er, „das hätt’ ich nicht erwartet! — Sie glauben also, daß es auf der Bühne keine Wirkung machen wird?“ — „Das ist nicht meine Meinung,“ entgegnete Rosa lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte.
Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen hatte, bemerkte nun: „Rosa will nichts weiter sagen, als daß sie Ihnen einen Erfolg, wie wir ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.“ — „Durchaus nicht!“ fuhr die Schauspielerin fort. „Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige ist gewagt, kömmt’s auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern bietet, ihnen eben noch recht, oder wird’s ihnen schon zu viel, zu stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragödien vor der Aufführung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.“
Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen und reinen Anerkennung der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt etwas bedenklich geworden, hatte er sich doch höchstens auf Beanstandung einer und der andern Einzelnheit gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden könnte, das hatte er nicht für möglich gehalten; es überraschte ihn schmerzlich, er konnte noch nicht daran glauben.
„Aber,“ begann er, indem sein verdüstertes Gesicht sich wieder zu einem Ausdruck von Selbstgefühl erhob, „die Sprache, wie Sie selber zugeben, ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt machen müßten.“ — „Gerade über diese Auftritte in den letzten Akten,“ entgegnete die Künstlerin, „und über die Wirkung derselben auf’s Publikum traue ich mir kein bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber wenn sie nun — wehe thäten?“ — „Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich als tragisch wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren im Leid, gewinnen im Untergang —“ — „Das ist Ihre Absicht mit ihnen gewesen,“ versetzte Rosa, „man sieht das wohl. Nun, und in Rücksicht darauf möcht’ ich allerdings das Gelingen für eben so möglich halten.“
„Meine Tochter,“ begann die Frau wieder, „ist nur so ehrlich, Ihnen keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfüllen könnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben. Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin überein, daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent verräth; wenn aber die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten, der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wünschen, und niemand herzlicher als wir.“
Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu begreifen anfängt, und sagte mit trauriger Miene: „Das ist schlimm! Das Vertrauen, das ich auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese Urtheile erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in großer Verlegenheit.“
Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn geworfen, sagte nun: „An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund! Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie können ja ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.“ — Das Gesicht des Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: „Das ist wahr.“