Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: „Lassen Sie nur erst die Regisseure drüber kommen und das Stück „einrichten!“ So eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie nicht einem Stück zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz umzuarbeiten —“
Heinrich stand nachdenklich. „Und dazu,“ sagte er dann, „müßte ich mich wohl verstehen?“ — „Gewiß,“ rief das Mädchen. „Ein Theaterstück ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl dem Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein wirksames Stück herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mühe, noch ein paar Wochen daran zu setzen.“
Heinrich lächelte mit Ergebung. „Ich sehe schon,“ erwiederte er, „ich muß wieder von vorn anfangen!“ — „Theilweise,“ versetzte Rosa, „und das thut nichts! Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure. Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenüber auf etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer im höheren Styl gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer, und da können noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,“ fuhr sie nach einem Moment fort, „zuletzt muß man’s eben darauf ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen noch auf der Leseprobe der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind, während andere, über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben. Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz unerwartet, und wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber nicht wissen können. Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende Spruch, und darauf hin muß man’s wagen.“ — „In Gottes Namen!“ rief Heinrich; „wagen wir’s! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen verlangen — ändern wir!“
Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man war zu einem Resultat gekommen und ließ die Sache für jetzt auf sich beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu berathen. Eine Unterhaltung über andere Gegenstände konnte nicht lang dauern. Die Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das „Glück der Schlachten“ ankommen zu lassen.
Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen überdachte und eins in’s andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre, zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. Das Große, das Erschütternde und eigentlich Tragische war ihnen — zu stark. Darum das enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder und höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich sich entladenden Gewitters. Männer, zumal solche, deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hälfte den Vorzug vor der ersten.
Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube eintrat, sah er, trotz des nächtlichen Dunkels, auf seinem Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf begrüßte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer überlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift seiner Tragödie.
In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag. Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung entfaltete, lautete kurz:
„Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer historisch-romantischen Tragödie hiemit ergebenst wieder zurück, indem ich lebhaft bedaure, daß dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung — von Dachburg.“
Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war Alles verloren — Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes — sie, die vor allen berufen war, höherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll zurückschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich getäuscht — er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwärts zu gehen meinte, wich, und er sank in’s Bodenlose!
Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden Fleiß, Jahre hindurch! — Was hatte er in sie hineingearbeitet von edlen Gedanken, holden Gefühlen, großen Vorstellungen, erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber wohlgefallen mußte! Und nun war Alles nichts — Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des Lebens und rief ihm zu: „Fort in die Finsterniß — und vergehe!“ Nicht einmal einen Versuch machen mit einer Schöpfung, deren poetischer Gehalt über allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag, die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! Verworfen ohne Weiteres!