So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß Angelegten gemacht, während man das Seichte, das kindisch Ergötzliche begierig ergreift, ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! Die Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um für die hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen!

Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an seine Eltern — und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prüfung für uns — Auguste wird sie bestehen — und ich muß sie auch bestehen! Die Meinigen müssen sich ergeben! Was daraus werden mag — genug der Verzweiflung!

Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschloß es in seinen Schrank. Dann schlug er ein ästhetisches Werk auf, an dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in ähnlicher Lage war, das mußte nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten, die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kämpfende Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mühsam errungene stolze Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des Trostes an, vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das gepeinigte Menschenherz!

Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf’s Lager und suchte die erlösende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem Durcheinander weher Empfindungen ging — langsam genug — Stunde um Stunde dahin, und erst gegen Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen Schlummer sinken.

Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, der rüstige junge Mann fühlte sich beim Erwachen doch wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes erwies sich auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch ein substantielles Frühstück wurde die Restauration so weit geführt, daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu Willmann, ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas Näheres über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die größte Neugier empfand.

Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den Ausdruck einer gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: „Ich weiß schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragödie zurückgeschickt —“ — „Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und ich habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, was ich besaß, und für die treueste Pflege desselben Verdruß und Schmach zu ernten!“

Der Doctor nickte mit Ernst. „Ich kenne diese Empfindungen aus eigener Erfahrung,“ erwiederte er dann, „und bedaure Sie von Herzen. Zu thun ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich gegen die Aufführung erklärt.“ — „Beide!“ rief Heinrich, indem eine leichte Blässe über seine Wangen flog. „Aber,“ fuhr er nach einer Pause sich wieder ermannend fort, „was haben sie denn für Gründe, das Stück für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire natürlich, das versteht sich von selbst; aber diese Gründe kennen zu lernen, hab’ ich wirklich ein großes Verlangen.“

„Dieses,“ versetzte Willmann, „glaube ich befriedigen zu können. Ich habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, daß sie das Stück nicht zur Annahme empfehlen konnten — ja, ja, auch dem Komiker, er hat mir’s wenigstens ernstlich versichert — und ich glaube nun, daß es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken.“ Heinrich ergriff seine Hand und rief: „Sie würden mich außerordentlich verbinden! Da ich nun doch einmal nichts kann, so möcht’ ich wenigstens erfahren, woran’s liegt, um allenfalls, wenn’s unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf ein anderes Metier zu werfen.“

Willmann schüttelte den Kopf. „Nicht so desperat, mein Freund!“ entgegnete er. „Ich kenne Ihr Stück nicht und kann also eigentlich über Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunächst die Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die ich ebenfalls gehörig neugierig bin.“

Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend saß, kam die zugesagte Sendung an. Mit begreiflicher Hast öffnete er das Couvert, nahm die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen Künstlers. Dasselbe lautete: