„Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und erweckt als solches schöne Hoffnungen für die Zukunft. Der Dichter gebietet über einen nicht gewöhnlichen Schatz von Empfindung und Phantasie, besitzt auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das Stück zur Annahme vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in den letzten Akten immer fühlbarer wird, so daß wir von dem Ganzen einen wüsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bösen, sondern auch die edlen Charaktere des Stücks machen endlich den Eindruck von Carikaturen. Das Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum, unter übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr natürlich und menschlich empfunden wird, da können wir nicht mitfühlen und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen, ob dem Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, daß es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die Tragödie ist trotz des poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als Theaterstück verfehlt, und die Aufführung in seinem eigenen Interesse nicht zu wünschen.“
Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz begonnen und glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu können; aber der Trank, den er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter; unter unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf’s neue die ganze Pein der Niederlage. Für den einseitigen Beifall, den ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte, mußte er nun in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere Mixtur ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las:
„Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit großem Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbühne konnte ich es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehörig beschnitten würde, möchte sich unser Publikum davon doch erwärmt und erbaut fühlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition eröffnet wird, ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. Von dem dritten Akt an bietet uns das Stück ein Interesse, das der Autor gewiß nicht beabsichtigt hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; obwohl dieß, und wie Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen, eines komischen Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die Länge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen freilich zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß auch der gelangweilte Zuschauer beurtheilen mag, als Todsünden können sie am Ende doch nicht gelten; und so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar untergeht, während von den Missethätern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und die übrigen, die auch noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer Betäubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. — Sey mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß der junge Dichter, trotz aller dieser Mißgriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische Begabung verräth und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine große Beschämung erspart.“
Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das die menschliche Seele in sich aufnehmen kann; was darüber in sie eindringen will, das findet sie entweder fühllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien der Köcher des Unheils erschöpft zu seyn.
Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich die Rücksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrückten. Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen Umständen ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen sehr wenig zu bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, daß die zweite das Gegentheil davon recht vergnüglich zur Schau trug.
Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit sie gehen mochten, anzunehmen und auszuführen. Und wenn dieß geschah, wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen? Aber freilich: gespielt mußte sie werden, und dazu mußte sie verstanden seyn! Die Hauptcharaktere mußten Darsteller finden, welche den Adel derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung scheint man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben! Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter!
Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet. Der Autor, welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; er erlag den Streichen, die — ein Philister und ein Spaßmacher gegen ihn geführt hatten! Der Unmuth, den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl gab ihm endlich auch die Stimmung zu einem Bericht seines Mißgeschicks an die Geliebte. Er setzte sich an den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das Erlebniß auffassen müßten, und schrieb:
„In meiner Tragödie hab’ ich große Seelen geschildert, welche den Prüfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, die ich zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich durchaus unstatthaft finden muß, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stückes verweigert. Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem Werke; aber man behauptet, die Effekte in den letzten Akten wären zu stark, könnten eher den gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt nun die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das in keiner Art zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß durch gewisse Kürzungen und Abänderungen eben das wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre. Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. Der Ersatz und Trost ist jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stück, worin das, was man am ersten getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen kann; ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener zu erreichen, was mit unserer Tragödie anzustreben mir versagt wird, indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen bin, ist nur vertagt.
„Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten Moment, wie ich nicht läugnen will, übte sie eine entmuthigende Wirkung auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft, und halte den Kopf oben. Laß mich du nun die Stimme der Liebe hören, die Trostworte einer edeln und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und meine Thatkraft hab’ ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder bringen, womit die Poesie von selbst aus der Seele fließt. Ich verlange sehnlich nach einem Wort von dir. Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald, liebe Auguste, sobald als möglich!“
Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem dieß aber geschehen, fühlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der gegenwärtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswürdige Getränk durch die Kehle gießend, empfand er bald seine zugleich stärkende und besänftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer Art auch poetische Lust, nach der eben so großen als unerwarteten Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames Durcheinander von Gefühlen. Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu erblicken und ihnen mit allem Vergnügen die Titel zu geben, die sie nach seiner Ansicht gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und Hohn gegen Hohn — das thut der männlichen Seele wohl, und der Geist erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden Höhe.