Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmähmonologe laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergötzend, legte er sich zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf.
V.
Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble Eindrücke; aber wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da seine elastische, vorwärts gehende Natur sich nach Möglichkeit immer wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in welchem er das in voriger Nacht Versäumte gründlich hereinbrachte, hatte er seine Gefaßtheit wieder und genoß einer wohlthuenden Stille des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig getröstet. Im tiefsten Innern war noch ein unerschütterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm gedachte er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.
Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein humoristisches Licht über seine Züge. Er nahm den Kalender, suchte den Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. — Konnte es (wenn es nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein aus dem Bauch eines Wallfisches an’s Land gespuckter Prophet! Welche Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen geschehen muß, von der Unähnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich in seiner Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen habe, was für den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu ätherisch war; und man findet nun gewiß natürlich, daß er auf das Erlebniß Reflexionen gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn weiter zu beruhigen.
Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden ist, hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nächsten Tage stand in dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: „Die historisch-romantische Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung eines hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen sollte, ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als für die Darstellung unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch dießmal voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen, sondern nur zur Beschämung verholfen!“
Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gänzlich unvorbereitet las, fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen: er fühlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens. Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß wenigstens kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können. Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen Genanntwerdens, nach dem er so großes Verlangen getragen und das er sich so schön vorgestellt hatte! — Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt war, und verließ die Restauration in kürzester Zeit.
Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Straße wandelte, in der die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr gering war, sah er plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte — den Professor Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wäre auch feige gewesen, und so ging er gerade vorwärts, zog instinktmäßig den Hut und rief mit gebührender socialer Achtung den Gruß des Tages. Der Professor lüpfte seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht für sich hin, das in Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an ihm vorüber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenöthigt, wie gänzlich er seinen Mann gleich beim ersten Gespräch erkannt habe.
Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, drehte er sich um und sah ihm nach. „Vermaledeiter Pedant!“ rief er für sich und setzte innerlich murrend seinen Weg fort.
Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen leichten Ausruf der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine Complication von Schadenfreude, eigener Beschämung und trotziger Geringschätzung derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. „Nun,“ fragte er den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, „haben Sie schon gelesen?“ Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich verachtende Erhebung über den Unfall ausdrücken sollte.
„Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!“ fuhr jener fort. „Ich habe Ihr Stück nach Ihrem Referat und nach den Versen, die Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen blamirt!“ — Heinrich zuckte die Achsel. „Es thut mir leid,“ entgegnete er. „Indessen,“ setzte er etwas spöttisch hinzu, „Sie werden es wohl verschmerzen.“