Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kämpfers den Bart. „Nun,“ versetzte er, „das hoff’ ich auch. Morgen ist der Bettel vergessen! — Für Sie,“ fuhr er spielend fort, „ist die Sache etwas unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche kleine Unglücksfälle kommen so oft vor, daß sie eigentlich gar nicht der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben eine Celebrität; und was kann man sich Besseres wünschen?“

Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdruß des Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende Bemerkung mit einem nur halb erheiterten Gesicht. „Diese Veröffentlichung einer Niederlage,“ sagte er dann, „und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth doch eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?“

„Das Blatt hat nichts gegen Sie,“ versetzte Dorn. „Aber der Feuilletonist — Emil Schilf — ist Autor von zwei Stücken, die hier mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn geärgert, das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem Neid erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei Ihrem Unglück inniges Vergnügen empfindet und sich die Freude macht, es an die große Glocke zu hängen?“ — „Verächtlich!“ rief Heinrich.

„Begreiflich,“ entgegnete Dorn, „und sehr gewöhnlich!“ Er schwieg, sah ihn freundlich an und sagte: „Wie steht’s mit Ihrem neuen Stück? Rückt’s vor?“

„Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich hoffe darin alles vermeiden zu können, was man am ersten Drama gerügt hat.“ — „Bravo! Nur immer lustig vorwärts!“ Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der Seite an und fuhr fort: „Haben Sie zufällig auch schon Zeit gefunden, einen Blick in mein Buch zu werfen?“ — „Noch nicht. Die Aufregung und der Verdruß der letzten Tage —“ — „Natürlich,“ fiel Dorn ein. „Aber nehmen Sie’s nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut — auch über Theater und Theaterleute.“ — „Ah,“ rief der Poet, „dafür hätt’ ich gegenwärtig allerdings die Stimmung!“ — „So lesen Sie,“ erwiederte der Autor, indem er ihm die Hand reichte; „amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre Feder! Es wird alles noch gut werden.“

Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu treten. Er war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den Frauen, denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und vielleicht gar einer Art von Geringschätzung zu werden, hatte etwas außerordentlich Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte er sich doch; er wollte auch dieses Verhältniß in’s Reine bringen, wenn auch um den Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden Fußes zu ihnen.

Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fügte die sachgemäßen Tröstungen so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte: „Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hänge nicht von Einem Stücke ab.“

„Bravo!“ rief das Mädchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu: „Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein Glück; man hat um so mehr Hoffnung, mit Glück aufzuhören.“ — „Wenn man’s erlebt!“ erwiederte der Poet mit etwas bitterem Humor. „Indessen, das hängt nicht von uns ab. Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!“

Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, daß er im Innern von seinem Mißgeschick doch noch sehr bedrückt war, sagte für sich hinsehend: „Wer weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht schon selber ein Glück war!“

Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: „Sie meinen, daß mir dieses kleine Unglück das noch viel größere eines eclatanten Falles erspart haben könnte?“ — Rosa, leicht erröthend, machte eine Bewegung mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen wollte. — „Also auch Sie!“ fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und Kümmerniß fort, „auch Sie geben das Stück unrettbar verloren!“ Er sah sie an und brach unwillkürlich in die Frage aus: „Ist es denn aber so gar schlecht?“