Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses Ausrufs einer Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu erwiedern: „Durchaus nicht — an sich selbst, aber für die Aufführung höchst bedenklich!“ — „Höchst bedenklich!“ wiederholte der Poet, wie einer, der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. „Und das sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?“ — „Vielleicht,“ erwiederte Rosa. „Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel Arbeit, daß Sie leichter und sicherer ein neues Stück ausführten.“

Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung und rief: „In Gottes Namen! Das neue Stück, wie Sie wissen, ist angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen, ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!“ — Die Künstlerin schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. — „Sie zweifeln am Gelingen?“ rief Heinrich. „Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?“ — „Zu Ihnen,“ erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, „alles, zu Ihrem neuen Stück wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!“

„Nun,“ versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, „das ist doch wohl an sich kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklärt seyn? Darf jetzt überhaupt keines mehr geschrieben werden?“ — „Das,“ versetzte Rosa, „will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich wünsche Ihnen sicheren und wo möglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.“

Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, entgegnete: „Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich habe keinen Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine Art und würde auch zu nichts führen. Es mag ein Unglück seyn, aber es ist nun einmal so.“

Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. Jetzt, mit Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: „Würden Sie eins ausführen, wenn man Ihnen den Stoff dazu gäbe?“ — Heinrich, nachdem er sie forschend betrachtet, erwiederte: „Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte —“

Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt und einen Blick der Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen Blick der Zärtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster Freude, entgegnete dem Poeten: „Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu haben und will ihn an Sie abtreten!“

Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. „Ist’s möglich?“ rief er. — „Ja, ja,“ versetzte die Mutter. „Sie hat nicht nur einen Stoff, sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte Scenen!“

Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der Künstlerin, die erröthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses rief er endlich: „Wie! Sie sind dramatische Dichterin? — Und das erfahr’ ich erst jetzt?“ — „Ein gutes Sujet,“ erwiederte das Mädchen, „und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine Poetin. Ich hab’ im Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr günstig halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden Sie mich geradezu glücklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.“

Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens. „Das geht nicht,“ rief er, „das darf ich nicht! Ich Sie berauben? Unmöglich!“ — „Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?“ entgegnete das Mädchen nicht ohne Ungeduld. „Soll man Ihnen nicht einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster aller Sterblichen? Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am wenigsten die Poeten!“ Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah, fuhr sie fort: „Nun? — Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen und würde Gott weiß wie lange daran herum arbeiten; aber Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen den Stoff, und meinem Stoff den Poeten.“ — Das Gesicht Heinrichs klärte sich auf. „Nun,“ rief er, „wenn es Ihnen ernst ist —“ — „Vollkommen! Hier meine Hand und meinen Dank.“

Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer Genugthuung fort: „Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Blätter nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.“