Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Güte wahrhaft gerührt. Er dankte und pries das Glück, eine so treffliche Freundin gefunden zu haben, in so warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die Mutter bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen wäre, sich in etwas Unvermeidliches zu fügen.
Heinrich war von der neuen Aufgabe — obwohl sie ihm noch eine bloß allgemeine war — sofort ergriffen. Er brachte die nächsten zwei Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie bezogen, versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich die Erfahrungen in’s Gedächtniß, die er selber gemacht, und suchte Reden und Gesprächsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant waren. Er bildete ein förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld einen Versuch zu machen.
Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm dann ihren Plan und endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgeführten Scenen vor.
Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches Ereigniß in einem früheren Bekanntenkreise der beiden Künstlerinnen, was dem Conflikt und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen eine „alte Geschichte,“ aber durch die neuen Beziehungen, in welchen sie verlief, neu und charakteristisch für die gegenwärtige Zeit. Menschliche Charaktere; die guten mit Schwächen und natürlichen Beweggründen, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten Elementen ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang der Intrigue von der Art, daß die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt der Beschämung überliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu werden. Alles das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, daß die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf poetische Begründung und Bereicherung zu denken hatte.
In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die Anschauung, was man daraus machen könnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Künstlerin angenehm überraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar für ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der Universität kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage sehr plausibel zu machen wußte.
Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen, debattirt und sich verständigt hatte, konnte man sich rühmen, einen Plan zu besitzen, den man für höchst versprechend halten mußte. Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung.
Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan Rosas Antonie hieß, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit Auguste. Wie diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich Antonie würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in dieselbe Lage gekommen wäre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise gedacht, daß er bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa selber verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen Charakter zu schaffen gewiß war. — Welche Lust nun, in Ausführung dieser Gestalten seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu gleicher Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin aber eine Rolle schreiben zu können, worin sie den Lohn des reichsten, beglückendsten Beifalls ernten mußte!
Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem lieben Mädchen zum Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in’s Auge sah und die Hand drückte, daß seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn.
„Das muß gelingen!“ rief der Poet noch mit frohem Pathos. „Ich werde das Meinige — das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern, zurechtweisen — und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen, das dem Publikum Thränen entlocken und es zu begeistertem Dank hinreißen soll! Adieu für jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten Akt!“
Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt und stattlich seiner Wohnung zuzuwandern.