Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch das Gefühl, daß er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag dießmal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung, Alles war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, daß man an ihre Tugend glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, daß man ihr Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte er für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig beglückend, erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Mäßigung und die labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die Herzen gewinnen mußte. Er stellte sich’s recht lebhaft vor und erquickte sich innig an diesen Eigenschaften.
Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte sich auf seinen Zügen und das schöne Roth der Freude wandelte sich in das düsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht, mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der täuschende Flor gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen durch sein Inneres.
So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe und Freude des Schöpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet. Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung oder böser Wille gefällt; es wäre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! — Neue, schärfere Angriffe rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rüge und wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genöthigt, es als Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben plötzlich durch eben so große Häßlichkeit erschrecken, so grinst den Unglücklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht, im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, er gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber.
Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragödie charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und Wahrheit fühlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus, aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre Schönheit, ihre Sphäre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher abgewiesen, verbanden sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging in Trümmer.
Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige Aufgebenmüssen einer so unendlich geliebten und unwillkürlich bewunderten Schöpfung! Die Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen.
Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob! gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz für den schmerzlichen Verlust war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue Dichtung mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch gespannten nur trügerisch versprochen hatte. War es doch auch eine schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fügte! Uebte er doch in der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, Selbstüberhebung. Aber er war vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere — und nun mußte es ihm auch gelingen.
Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser Klarheit. Denn freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu verklären, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das gesagt! Auch geschrieben hatte er’s und drucken lassen für Andere! Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren jedes leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele ging, das überschwänglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der Dichtung nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung bestätigte Wahrheit. Nun hatte er’s im Wollen, und nun mußte er’s auch haben im Vollbringen!
Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine Stube als ein verwandelter Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben: es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefühl, daß es herzlich Gewünschtes bringen werde — und er täuschte sich nicht. Das Schreiben lautete:
„Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab’ ich deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn möglich? Eine Dichtung, die uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Aufführung werth seyn? Man schickt sie dir wieder zurück, als wäre sie ein schlechtes Machwerk! O wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung abnehmen, wie groß die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Fleiß, den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen seyn? Bist du denn nicht verzweifelt?
„Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen und lebhaft daran denken, daß man eben so eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es — ich hab’ es ja von dir gehört und mit dir erlebt! — ein dramatisches Werk zu schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bühne nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann. Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall gewinnt, dürfen sehr groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen sollen!