„Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und deine Ausdauer vor, dann glaube ich, trotz allem, doch wieder an dich und hoffe auf’s neue. Gib dir nur Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden, die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft mit Schauspielern und mit Dichtern, die schon effektvolle Werke geschrieben haben, und laß dir von ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung des Publikums, die du im Theater studiren kannst, und trachte in deinem Stück nach Scenen, die du am meisten auf die Herzen wirken siehst. Wenn du das alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent ganz gewiß durchdringen.

„Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist mir sehr schwer geworden. Bei ihrem großen Vertrauen auf dich wollten sie die Nachricht zuerst gar nicht glauben. Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater entschlüpfte das Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! Ich nahm mich aber deiner an, und mein herzlicher Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen konnten. Aber das rechte Vertrauen ist noch nicht wiedergekehrt.

„Ein übles Nachspiel gab’s, als die Zeitung eintraf, die deine Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat. Auf die Fragen zu antworten, die man jetzt von allen Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht leicht und angenehm gewesen; ich hab’ es aber in meiner Liebe zu dir gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen ihr herzliches Bedauern aus, und darunter der brave Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm Bürge, daß es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken werde. Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht zurückhalten und ihre Reden wurden durch ihre Mienen so auffallend Lügen gestraft, daß ich mich über beide sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse geworden.

„Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich nicht entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete jetzt nur alle deine Kräfte auf und erfreue mich bald mit einer guten Nachricht, die den Glauben der Eltern stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich zischeln, verstummen machen kann. Vertraue auf meine unwandelbare innige Theilnahme an Allem, was du unternimmst; schreibe mir Alles, was dir irgend Bedeutendes widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung des neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, und harre in Hoffnung; aber dann melde mir endlich einen Erfolg, der Alles wieder gut macht und die treuesten deiner Freunde am glücklichsten!“

Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung erfreute und erhob den Liebenden im Innersten, und muthig blickte sein Auge, als er die letzten Zeilen gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser Erfolg war gefordert, aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das Geschenk eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs war eine Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß seiner Lage. Hülfe in der Noth, doppelt und dreifach willkommen! Er fühlte das wunderbare Zusammentreffen mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.

Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die ersten Scenen gelangen ihm nach seinem Gefühl munter, frisch — um nicht zu sagen keck. Als er zu Tische ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines Herzens trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und theilte ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen Fund, seine Hoffnung mit. Der Doctor war ernstlich erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich schelmischen Glanz hatte, rief er: „Also bekehrt! Einer von den Unsern! — So rasch ist der Plan —“ Er hielt inne, schüttelte ihm die Hand und setzte hinzu: „Nehmen Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie im rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des Jahrhunderts, und vogue la galère!“

VI.

Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, der hauptsächlich unsere Epoche bezeichnet und auf allen Gebieten mit wechselndem Glücke geführt wird, mußte nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten. Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am Ende nur zur Ausgleichung führen kann, braucht sinnigen Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden. Aber wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter der Gegensätze, welche sich, „des langen Haders müde,“ zuletzt die Hand reichen werden? Schwerlich. Der Kampf wird dazu dienen, die Akten spruchreif zu machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, den Streit in sich selber durchkämpfen und der Ausgleichung fähig werden in der gerecht unterscheidenden, gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie, denen der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern und Zusammenwirken für den Sieg im Großen, der sich, wenn es Gott gefällt, nach und nach wird erstreiten lassen.

Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte in gewissem Sinn auch den Dichter, dessen Schicksale hier dargestellt werden sollen. Er hatte ein Auge für die wirkliche Welt, er lebte und liebte in ihr, er fühlte die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte er einem unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden der Phantasie, und glaubte in ihnen eben das Größte, das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge des idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus, und sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, unscheinbarem Licht. Seinen Hauptberuf erblickte er jenseits der Schranken des Irdischen, und auf ihn warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger Jugend.

Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß übel gelohnt. Gleich Phaeton war er herabgestürzt aus den himmlischen Höhen: gewaltig erschüttert, aber glücklicherweise doch nicht zerschmettert und kein tragisches Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah er sich auf der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, daß sie lieblich anzuschauen war und ihm anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum Ersatze bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten Licht und freute sich über Alles, nachdem ihm das Große nicht gelungen war, um so besser das traulich ansprechende Kleinere zu leisten.