Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden Geist verklärte Leben. Der Geist kann alles verklären, was er liebt; nicht nur das Große, sondern auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste zeigt, auch erlöst werden sollte und soll. Die Malerei hat Götter und Heroen dargestellt, aber auch den Schmetterling, den Käfer und den Apfel wiederzugeben nicht verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz bewahrt hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, wenn sie nämlich gelungen sind!

Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des Poeten, als er sein Drama weiter führte. Seine Liebe zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem sie ruhiger wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein Schamgefühl über ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, womit er auf solche Arbeiten früher herabgesehen hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte aber auch, daß die Buße heilsam war für ihn und seine Arbeit.

Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er brauchte denn doch länger dazu, als acht Tage), begab er sich zu den Freundinnen. Unter guten Erwartungen las er ihnen die Reinschrift vor und wurde, hinsichtlich des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen gründeten sich aber auf Erfahrung und natürlichen Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht, und er änderte mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns gegönnt. Jetzt setzte er’s nur fort und freute sich der wachsenden Reinheit.

Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken hin als richtig zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd an und sagte: „Mein lieber Freund, Sie haben einen guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht glauben, der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, erkennen Sie die unsere an und lassen sie gelten. Das ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern nicht sehr häufig vorkommen soll.“

„Mir,“ entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, „hat ihn auch erst ein Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört er zu mir und ich gedenke ihn zu behalten.“ — „Immer zu!“ rief die Mutter lächelnd. — „Im Grunde,“ fuhr der Poet fort, „kommt es auch hier nur darauf an, was man eigentlich will: die Sache, die Kunst, oder sich selber. Wer die Kunst will, der hat ein Ideal der Vollendung vor Augen, und er ruht nicht, bis sein Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer sich will, der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte Ideal, weil es von ihm ist. Natürlich wird so Einem der Widerspruch als persönliche Beleidigung erscheinen, während er jenem, als zur Verbesserung der Sache dienend, lieb und willkommen ist.“

„Weislich erklärt,“ entgegnete Rosa mit Lächeln. „Nun, unsern Widerspruch können Sie schon gelten lassen; er kommt weder aus einem tadelsüchtigen noch frivolen Gemüth und hat nichts als die Schönheit Ihres Werkes im Sinn.“ — „Das weiß ich,“ erwiederte Heinrich, „und darum hör’ ich ihn mit Freuden und bitte um die Fortsetzung.“

Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner Thätigkeit und seinem Verkehr mit den beiden Frauen Schritt für Schritt zu begleiten. Er arbeitete stetig jeden Tag, und wenn das Drama langsam vorrückte, weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten und wiederholte Versuche nöthig machten, so wuchs es doch und nährte die Begierde des Autors zum Weitergang.

Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich bedeutend oder gewagt erschienen) las er an freien Abenden den Damen vor, hörte Lob und Tadel und änderte nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und ganze Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es interessant gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin dabei sich ergänzten. Heinrich strebte nach Gehalt, Geist, höherem Ausdruck, und vielfach gerieth es ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu schwer, zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; und so wurde er von Rosa bekämpft, bis der Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte vorzugsweise den Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge herzustellen. Hier überschritt sie aber ein paarmal die Linie, schlug Reden vor, die sich nicht natürlich aus der Situation ergaben, und mußte sich von dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit über alles ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit und der Wirkung einander entgegen traten, ging es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte sich wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde, daß in einem Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll seyn müsse, und Heinrich, wenn er die unmittelbaren Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch in sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung Sorge trug.

Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche Herz im Guten und Schlimmen, so wie die Leiden und Freuden der bürgerlichen Sphäre gar wohl kannte und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem er wirkliche, lebendige Menschen zeichnete, die in natürlicher Entfaltung ihres Innern Sympathie zu gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste Vergnügen.

Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen Trauliches und unter Umständen Heiteres, daß ein Besucher, auf den ersten Blick hin, sich gesagt hätte, die sind glücklich und machen sich glücklich. In der That unterhält nichts anziehender und schöner, als gleiches Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. Rosa konnte das Drama so gut ansprechen wie Heinrich, und jedenfalls lag ihr das Gelingen um nichts weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes Auge glänzte Genugthuung, wenn sie etwas für gut erklären mußte, besonders wenn dieß nach einer zweiten Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert hatte. Da rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es gleich so richtig getroffen und sich dadurch als wahren Dichter bewiesen habe, so warm, so froh, daß er beglückt lächelte und auch über das Gesicht der Mutter ein Schein der Freude ging.