Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, die es schon längere Zeit waren und darum in ruhiger Freundlichkeit sich gefielen. Bei näherer Betrachtung zeigte sich freilich, daß der Poet an der Liebenswürdigkeit des Mädchens sein Vergnügen hatte und sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber doch nur in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte, während aus ihrem Auge zuweilen Blicke kamen, die ihre tiefe Leidenschaft verriethen — ein süß und schmerzlich erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft verschlossen gehalten wurde.
Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der junge Mann diesen Zustand ihrer Seele nicht endlich doch erkannte und nun mit sich zu Rathe ging über das unter solchen Verhältnissen ihm gebotene Benehmen? Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens Schuld, die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, daß sie den Ausdruck einer tieferen Empfindung rasch wieder in Scherz verkehren und damit auslöschen konnte. Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für den Beweis einer Freundschaft, die auch er gegen sie empfand, für die natürliche Sympathie der Künstlerin mit dem Dichter, und endlich — warum nicht? — für den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das er ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch, daß er verlobt war und an der Geliebten mit unverbrüchlicher Treue hing; wie hätte er denken sollen, daß sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte die Geliebte, die Freundin die Freundin, und darum genoß von den dreien nur er allein eines reinen, ungetrübten Glücks.
Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren eigenen Weg genommen. Der dramatische Dichter und die feinsinnige, reizende Künstlerin schienen für einander geboren. Aber während sie ihn liebte und in dieses Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern umgab sie, die Schöne, nur um so eifriger mit den Zaubern einer verschönernden Einbildungskraft. Sie war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin seiner Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth über Alles, und sie endlich sein zu nennen und sie mit allen an’s Herz zu drücken, eine nicht zu fassende Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große Künstlerin, durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben erglänzen, daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen ihr Licht verlieren mußten. Wenn die Freundin sich um ihn verdient machte und ihm zur Erreichung seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die Erwählte durch seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend heimzuführen.
Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes Gemüth schon durch den großmüthigen Beistand sich beglückt fühlte, hatte doch eine schmerzlich bittere Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal so recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie nieder, und es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit ihm an der Vorstellung seines endlichen Glückes selber zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich nur um so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse Scheu gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu preisen und der Freude seines Herzens Worte zu geben, so folgte er jetzt dem Drange desselben um so rückhaltloser, weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude zu machen glaubte.
Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu erheben, wurde Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. Ein Liebender findet so viele Gelegenheit, von der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage nach ihr gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu Rathe zieht. Eine Erkundigung nach einem Bezug, der nur ihn selber betrifft, läßt ihn in die Antwort einflechten, was sie vorher oder nachher, in oft sehr entferntem Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. Heinrich, um der bewiesenen Theilnahme durch eben so großes Vertrauen entgegen zu kommen, theilte die schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich zum Ruhme sang, und gab dazu Commentare, die oft noch viel poetischer waren als die Gedichte selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber die einmal angenommene Haltung zu bewahren hatte, so ahnt man, was sie dabei litt.
Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber in ihr an. Der Poet hatte den Gedanken, in den beiden Mädchengestalten sowohl die Geliebte als die Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und es begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur in all ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne und recht eigentlich secundär erschien. Die Künstlerin hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe ihren Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu entlasten. Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern auch ästhetisch verletzt. Denn eben jene erste Figur drückte sich in der Arbeit zu hoch und zu kostbar aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig beeinträchtigen mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu Rathe gegangen, trat den Uebertreibungen in diesem Bilde so geschickt als möglich entgegen, mußte aber doch länger kämpfen, indem der Poet endlich nur nachgab, als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen ließe. Bei der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge zu machen zu besserer Ausstattung an Gemüth und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß im Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich erheitert, gehorchte.
Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe genug hatte, so war ihr doch auch ein Ersatz geboten. Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer Beihülfe gedieh das Werk und klärte und bildete sich der Autor selber. Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, erreichte er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte sie sich sagen, daß sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin seines Glückes war. Er selbst war gewissermaßen ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte, und sie hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht zu bloßer Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches Herz forderte seine Rechte. Eben nach längerer Zurückhaltung, in der Müdigkeit, welche stete Selbstüberwindung zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle nur um so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu erschüttern.
Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben Rückfall Heinrichs in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft, stellte sich ihr in der Einsamkeit sein Benehmen vor die Seele und ein wahrer Unwille erstand in ihr. Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und diese letzteren erschienen ihr in grellem Licht. Da sie sich nun doch zu ihm hingezogen fühlte, so war sie entrüstet über sich selber, klagte sich an und empfand diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine Frage erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen verursachte. War es die Verlobte werth, daß sie ihr weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich aus ihren Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden hätte Glauben schenken können. Der Gedanke stellte sich ihr dar, daß dieser auch hier sich täuschen und da, wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen und Streben vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß sie, die Künstlerin, ihn fördern, ergänzen, glücklich machen könnte. Sie dachte sich, wie schön und fröhlich sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre zusammenstimmenden Berufe zu treiben vermöchten, und ein Schmerz, eine förmliche Indignation durchdrang sie, daß die Welt und das Geschick es anders beschlossen, daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele, ihn trotz allem durch ein anderes Benehmen gegen ihn zu gewinnen, mit der Abwesenden zu kämpfen und — zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er gekommen war. „Nein,“ rief sie, nicht ohne das Pathos des Stolzes, „ich will keinen Mann erobern, der mich nicht liebend sucht! Eben weil ich eine Schauspielerin bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen Müttern und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist. Sie soll ihn haben — und ich, ich werde mich trösten!“
Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese Art sich endlich zu erheben. Zuweilen versank sie in stille, tiefe Trauer und erschien wie krank, wofür sie sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah, so zu Herzen, daß sie in ihrem Stübchen vor Zorn weinte und unter reichlich fließenden Thränen ihr Geschick verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft vergiftet habe.
Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung nicht immer verborgen bleiben. Sie schüttelte den Kopf und warf auf die Tochter Blicke, die, ihr Innerstes durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend, wo sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie, was ihr sey, und das Mädchen sprach ihren Verdruß darüber aus, eine Rolle nicht erhalten zu haben, die ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut habe. Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, und sie rief: „Geh, und mach mir nichts weis! Du hängst an diesem Menschen und verstrickst dich immer tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück, das ihr mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück, und ich erkläre mir nun die fatale Empfindung, die ich hatte, als du es an ihn abtratest. Je mehr er dich kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für ihn, und dein Lohn ist Herzeleid!“