Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. „Du übertreibst, liebe Mutter,“ entgegnete sie mit der Ueberlegenheit einer Seele, die an ihrem Loos trotz allem festhält. „Wenn du aber auch Recht hättest, was thät’ es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am wenigsten einer Schauspielerin. Man macht damit neue Erfahrungen, neue Sphären menschlicher Gefühle schließen sich auf, und man spielt besser. Ja, ja,“ fuhr sie mit einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort, „für mich insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich habe mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere Seite gelegt, und das geht wohl eine Zeit lang, wird aber nach und nach langweilig und schädlich. Das Herzeleid führt in die Tiefe, macht uns ganz — allerdings, liebe Mutter! — und wir gelangen zur wahren künstlerischen Ausbildung.“

Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den Mund, hatte den Kopf geschüttelt. „Du rufst den Humor zu Hülfe!“ entgegnete sie. „Wird er immer vorhalten?“ — „Es ist mein Ernst,“ versetzte Rosa mit Ergebung. „Dieser Poet ist in unser Haus gekommen und wir haben uns für ihn interessirt. Das Theater, von dem er alles erwartete, hat ihn abgewiesen und recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte ihm die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei alledem hab’ ich mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr Unglück dabei für mich heraus, als mir lieb ist, so muß ich’s tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht so schwach, und werde schon damit fertig werden.“

Die Augen der Frau waren naß geworden. „Du bist ein gutes Kind,“ rief sie, „ein edles Herz. Du hättest ein besseres Loos verdient!“ — „Ach, Mutter,“ versetzte das Mädchen, „man kann in dieser Welt nicht alles haben und muß sich genügen lassen! Mir ist dieses Unglück im Grunde doch lieber, als das ehemalige Glück, und ich würde es nicht dafür hergeben, wenn sich’s mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark aufgelegt hat. Ich hab’ nun einmal meine Freude dran! Laß mir’s, bis mich’s von selber verläßt!“

Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß sie an ihre Brust und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Stirn. „Wann wird das aber geschehen?“ entgegnete sie. „Die Arbeit, die euch immer wieder zusammenführt, wird noch eine gute Zeit dauern. Kann sie die Krankheit nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar wird?“ — „Im Gegentheil,“ versetzte das Mädchen; „eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird mich heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, sorg’ ich eigentlich nur für mich selbst.“

Die Mutter schaute sie zweifelnd an. — „Ganz einfach,“ erwiederte die Tochter. „Wenn das Stück geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet ein gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir nun gesehen, und wenn er einmal erfährt, wie er’s am besten verwenden kann, wird er den Weg, auf den wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann um seine Auguste anhalten und wird sie heirathen — und ich werde mich beruhigen; denn so kindisch bin ich nicht, daß ich einen weiblichen Werther spielen werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns wenig oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem Herzen wieder still werden und nur der Nutzen der Erfahrung wird übrig bleiben.“ — Die Frau sah ihr in’s Auge und lächelte mitleidig. „Sehr gut berechnet,“ entgegnete sie. „Also für jetzt glaubst du dich deinem sogenannten Glück noch ruhig überlassen zu können?“ — Das Mädchen sah für sich hin und über ihr wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das nicht ohne Schelmerei war. „Nun,“ fuhr die Mutter fort, „ich kann’s nicht ändern. Du willst es haben — sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!“

Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich ihrem Ende. Sey es die Einrichtung der Natur, zufolge welcher nach einer Zeit stürmischer Erregung immer wieder eine Zeit der Ruhe kommt — sey es der Einfluß, den der gute Fortgang des Stücks auf ihr Gemüth übte, genug, Rosa wurde schon in dieser Zeit heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch einen Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber auch den Takt oder das Glück, ihr fast nie mehr durch Naivetäten wehe zu thun. In der Freude seines Herzens über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen guten Anlaß vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte Akt brachte so das Ende gut Alles gut nicht nur für die Personen des Stücks, sondern auch für die Erfinderin, die eine große Genugthuung empfand, wobei das Bewußtseyn gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung weit überwog.

Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel Mühe hatte er sich gegeben; aber nun durchdrang ihn eine Sicherheit, wie er sie in solcher Klarheit nie empfunden hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem der Freundinnen — eine Täuschung war unmöglich.

Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten Auftritte skizzirt hatte und die Schönheit des Wetters ihn auf die Straße lockte, begegnete ihm Willmann. Sie begrüßten sich und der Novellist sagte: „Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut — sehr gut werden.“ — „Woher wissen Sie das?“ fragte Heinrich. — „Ich weiß es,“ entgegnete der Andere behaglich.

Der Poet nickte begreifend und sagte dann: „Ich meine freilich selber, daß es mir geräth; und ich hoffe nun, den beiden Herrn, die mich wegen meiner Tragödie so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür sie mir Dank wissen müssen.“ — „Dem,“ versetzte Willmann, „sehen sie mit Freuden entgegen; denn Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.“

„Wie muß ich das verstehen?“ rief Heinrich. — „Nun,“ erwiederte der Doktor, „am Ende muß es ja doch heraus, ich will’s Ihnen also gestehen, daß wir Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu Ihrem Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer Straße des Verderbens, zeigten aber trotz Allem eine nicht gewöhnliche Befähigung zum Dramatiker — darüber waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, beriethen uns, und es wurde beschlossen, eine energische Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die Urtheile kennen zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und wirkte gründlich.“