„Ah,“ rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. „So habt ihr also mit mir gespielt?“ „Aus Antheil an Ihnen,“ fuhr Willmann begütigend fort, „aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie von Ihrer tragischen Ueberschwänglichkeit par force wegzubringen, und in diesem Sinn hat Freund Berger allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug, es ist geglückt, Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt begeben, sondern nach allem, was ich höre, darauf auch schon einen Sieg erkämpft.“

Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der demüthigenden Empfindung, geführt, wenn auch zu seinem Besten geführt zu seyn. „Es ist geglückt,“ begann er nach einer Pause; „aber nicht durch euch, ihr Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das mich freundlich aufgeklärt und mir das Bessere an die Hand gegeben hat.“

„Wohl,“ versetzte der Andere; „aber dieser Freundlichkeit mußte vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem so verstockten Idealisten durchdringen sollte. Die Heilung ist methodisch vor sich gegangen. Nach der Erschütterung durch Donner und einschlagenden Blitz kam der Sonnenschein und that das Uebrige.“ — „Die Hauptsache!“ warf Heinrich ein. — „Die Hauptsache,“ wiederholte der Schriftsteller, „zugegeben!“ Er schwieg einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: „Für Sie kann man wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger Mann, der notorisch verlobt ist, gewinnt noch andere Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer bringen für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die Welt, darauf können Sie sich verlassen. Und eins ins andere gerechnet, sind Sie nun doch eigentlich mit einem sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.“

Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt in die Nähe des Theaters gelangt. Willmann richtete seinen Blick auf das stattliche Gebäude und sein Gesicht erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor getreten und kamen gegen sie her; es waren die Regisseure. Heinrich konnte nicht umhin, mit Willmann vorwärts zu gehen, obwohl er vor der Begegnung eine erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, sondern auch auf der Straße glücklich vermieden, so daß für ihn jetzt eine Art Eis zu brechen war. Indessen zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt in sich aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang ihm, die Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen.

Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler) dankte freundlich und sagte: „Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind Sie die Zeit her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes fertig haben!“ — „Fertig,“ entgegnete Heinrich, „wird es bald seyn. Ob es etwas Schönes ist, werden Sie zu entscheiden haben.“

Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen Blick auf ihn geworfen, in welchem Spott und Wohlwollen sehr ergötzlich gemischt waren. „Sie haben sich,“ bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, „herabgelassen, einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben zu behandeln und ein Schauspiel zu schreiben?“ — Heinrich sah ihn an und zuckte unwillkürlich die Achsel. — „Sie soll gelungen seyn,“ fuhr jener fort, „die Frucht Ihrer Condescendenz.“ — „Die Freundin,“ warf Hallfeld ein, „hat mit uns darüber gesprochen. Demnach wäre am Erfolg nicht zu zweifeln, und ich hoffe, daß wir es bald zu lesen bekommen werden.“

„Ich freue mich sehr auf den Intrigant,“ versetzte Berger, „der recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir sagen nämlich ganz besonders gemischte Charaktere zu — Menschen, die mit respektabler Schlechtigkeit eine Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen möchte, kommt in Ihrem Stück vor.“ — „Und soll,“ entgegnete Heinrich mit eingehender Laune, „wenn das Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen, den die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere dieser Art congenial zu versinnlichen.“ — „Charmant!“ rief der Komiker, während die Andern lächelten.

„Ich gestehe,“ begann Willmann, „ich freue mich sehr auf die Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. Sie haben,“ fuhr er auf Heinrich blickend fort, „durch Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil erregt.“ — „Allerdings,“ bemerkte der Heldenvater mit Würde. — „Unbedingt!“ setzte der Komiker hinzu. — „Und da Sie sich in der Zeit der Calamität so ritterlich gehalten haben, so gönnen wir Ihnen von ganzem Herzen einen öffentlichen Erfolg.“ — „Und den wohlverdienten Lorbeer,“ ergänzte Berger — „den Lohn der Demuth, die sich selbst bezwungen!“ — Nach weiterem Austausch von Höflichkeiten dieser Art schied man erheitert und mit den besten Wünschen. Heinrich ging nach der Wiederanknüpfung mit den Kunstverwandten eines hin und wieder doch lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. Behaglich fühlte er, wie sich der Weg für ihn mehr und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen nach dem andern hervortrat.

An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief an Auguste. Die Geliebte hatte ihm auf die Meldung, daß er auch das zweite Trauerspiel einstweilen liegen gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite, nach längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die zärtlichste Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem nach den bisherigen Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit angenommen werden könne, daß er bei dieser neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie nicht Ueberzeugung bewirkten, doch Glauben fanden. Jetzt konnte er nicht nur die Vollendung, sondern gleich auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen — und mit welch gerechtem Selbstgefühl that er es!

„Ja, meine Theure,“ schloß der Bericht, „meine Prüfungszeit ist vorüber und der Lohn der Ausdauer so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand zu haben glaube. Endlich, endlich ist mir’s gelungen! Nicht nur die Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der Bühne und das Verbleiben auf dem Repertoire ist mir verbürgt — durch das Urtheil von Kennern. In vierzehn Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche Darstellung folgen, und dann heißt’s: Auf Wiedersehen! auf glückseliges Wiedersehen!“