Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also lautete: „Die frühere Aeußerung über Doctor Willmann muß ich zurücknehmen. Hinter einer allerdings etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser Schriftsteller ein tieferes Herz, und an mir und meinem Schicksal nimmt er wahren Antheil. Theilt er nicht alle meine Ideen, so ist er doch ein Mitstrebender und Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche, neidlose Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.“

VII.

Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem kleinen Kreise berathen und nach wenigen Aenderungen gebilligt. Das Stück war fertig.

Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den Genuß, das vollendete Werk nochmal zu übergehen und im Einzelnen durchzubilden. Es gehört dieß, wenn der Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den angenehmsten Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch die Neige der Schöpferfreuden con amore. Wie aber auf Erden kein Glück rein bleiben soll, so wurde auch in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer Tropfen geworfen, der ihn ärgerlich vergällte.

Unser Poet hatte den satirischen Roman seines guten Freundes Dorn schon vor Monaten zu lesen begonnen, aber sich nicht damit befreunden können. Er fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des Autors, auch wo sie das Schlechte geißelte, zu direkt und gehässig, als daß er mit ihr hätte sympathisiren können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte (dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der Geist der Rache und der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, denen nichts Wohlthuendes gelingen kann. Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier wurde rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten Eindruck und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen förmlichen Widerwillen, so daß er es, noch nicht in die Mitte gekommen, bei Seite warf.

Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, fühlte der etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den guten Bekannten wie die Wahrheit zu schonen, und sagte darum: er habe sich mit großem Interesse hineingelesen, könne aber einen so stark gewürzten Trank nur in kleineren Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine Frist ausbitten. Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und man trennte sich unter kameradschaftlichen Versicherungen.

Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der Poet, daß er das Beißen in den sauern Apfel nicht länger verschieben könne; er nahm das Buch eines Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er konnte das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im Einzelnen — nicht allzuhäufig —, unerquicklich im Ganzen; von der Schneide des Hohnes Rügenswerthes, Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen, das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in einem Sinne zu besprechen, wie der Autor es wünschte, für Heinrich ganz und gar unmöglich war.

Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder mit Dorn zusammen. Er theilte ihm auf Befragen das Neueste über sein Stück und seine Hoffnungen mit, und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher Zurückhaltung; dann sagte er: „Wie haben wir’s aber mit unserem Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl gelesen haben!“ — „Freilich,“ erwiederte Heinrich mit einer gewissen Hast. „Er hat mich interessirt bis zu Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den Getroffenen von Herzen gegönnt habe. Läugnen will ich aber nicht, daß ich auch auf Angriffe gestoßen bin, die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.“ — „So?“ entgegnete der Andere. — „Nun,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort, „im Grunde ist das natürlich, man kann nicht in allen Stücken gleich denken. Ihr Urtheil im Ganzen ist also?“ — „Daß das Buch von dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen und Vergnügen gelesen werden kann.“

Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht darnach angethan, eine Autorseele zu befriedigen. Unser Poet aber, der sich bewußt war, daß der Roman eben so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen werden könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung noch dazu als abgenöthigt erschien. Dorn, dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn mit verdächtigen Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand über, machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen über Abwesende Luft, und sagte zuletzt mit einem Lächeln „Guten Tag,“ das nichts Gutes zu bedeuten schien.

Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern eine Schuld unbezahlt lassen, und er überlegte daher ernstlich, ob nicht eine Form auszudenken wäre, in der er, ohne der Gerechtigkeit eben in’s Angesicht zu schlagen, dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte, doch auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand keine, und dieß beunruhigte ihn sehr und trübte das Glück der schönen Tage. Endlich rief er: „Zum Henker mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache los, und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt ist, dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen, die ich ihm ohne Gewissensbisse erweisen kann!“