Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete Heinrich die Revision und stellte ein reinliches Manuscript her.

Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das Stück sofort einreichen könne, schüttelte Rosa den Kopf. „Vorher,“ sagte sie, „muß noch was Anderes geschehen. Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen wahrhaft zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, und Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor. Gut gelesen wird es nicht nur einen gewinnenden Eindruck machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.“ — Heinrich, über die consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, erklärte seine Zustimmung unter Worten des Dankes.

Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in dem traulichen Zimmer versammelt. Man hatte sich cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen des feinen Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. Der Poet hatte offenbar eine günstige Position. Konnten ihn nicht alle, wie er jetzt war, gewissermaßen als ihre Schöpfung ansprechen, und mußten sie sich daher nicht über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von Befangenheit wich aus seiner Seele.

Willmann, ihn betrachtend, sagte:„Hat unser Dramatiker in der letzten Zeit nicht geradezu ein anderes Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt so menschlich, sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend —“

„Sehr natürlich,“ fiel Berger ein. „Er ist herabgestiegen aus den ätherischen Höhen und Mensch geworden, indem er sich in wirkliche Menschen versetzte, und — menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute — Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen kann — wie ich höre.“

„Die Welt,“ fuhr der Novellist heiter fort, „wird gesund, man kann nicht mehr daran zweifeln. Der Realismus erstarkt und macht eine bedeutsame Erwerbung nach der andern.“ — „Leben und Lebenlassen,“ rief der Regisseur, „das ist die Parole des Jahrhunderts! Sogar auf dem Theater, wo man sonst mit wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in die Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen bedeckte, wird es mehr und mehr Sitte, in schlichter Prosa zu guter Letzt sich um den Hals zu fallen und dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.“ Mit einem Blick auf Hallfeld, der launig den Mund rümpfte, fuhr er fort: „Der Herr College scheinen nicht ganz einverstanden zu seyn?“

„Doch,“ versetzte dieser. „Aber in eurem eigenen Interesse möcht’ ich euch Herrn rathen: übertreibt’s nicht mit eurer Prosa und eurem Lebenlassen! Denn sonst möchte das Publikum am Ende auch das genug kriegen und ihr könntet einen Rückfall erleben.“ — „O,“ rief Berger, „mir ist nicht bange!“ — „Man kann für nichts einstehen,“ erwiederte der Andere. Der Komiker sah ihn an, und da er, besonders vor einem Auditorium, zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: „Sie kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, aber Sie thun sich selber Unrecht. Ihr Spiel ist im Prosadialog so vorzüglich wie in der Versetragödie und für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender. Es herrscht darin eine Natur, eine Frische —“ — „Bitte!“ rief Hallfeld. — „Also davon abgesehen! Sagen Sie mir nun in allem Ernst: was hat man eigentlich an einer versificirten Tragödie?“

„In allem Ernst?“ fragte Hallfeld erheitert. „Wollen Sie etwas Ernsthaftes hören?“ — „Oh,“ rief Berger mit einem Ton des Vorwurfs, „von Ihnen mit Freuden! Und gewiß alle hier Anwesenden?“ — „Ja wohl, ja wohl,“ riefen Heinrich und Rosa. — „Also, kurz gesprochen, was hat man davon?“ — Hallfeld erwiederte mit ruhigem Nachdruck: „Die Kunst.“ — „Die Kunst!“ wiederholte der Andere. „Sie meinen die Kunst im aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen des wirklichen Lebens hinaus geht?“ — „Die Kunst in dem Sinn, wo sie über die Kleinheit, Gewöhnlichkeit und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,“ entgegnete Hallfeld. „Die Kunst, die in eine Welt versetzt, wo das höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse so natürlich klingen, wie im gewöhnlichen Leben die Prosa.“

„Das klingt sehr schön,“ erwiederte Berger, „und“ (setzte er lächelnd hinzu) „ungefähr so sagt’s der Herr Professor auch. Aber ich, als ein verstockter Realist, stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen die Wirkung, die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. Wir geben also eine versificirte Tragödie (denn um die Tragödie handelt sich’s) — was ist, kurz und bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum — in nicht allzugroßer Zahl — sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen Verse beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon verübt oder wird verübt; zunächst mit glücklichem Erfolg. „Triumph“ ruft das Verbrechen, „Rache“ die Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei nicht selten das nervenerschütternde Spiel noch durch einen gräulichen Lärm hinter den Coulissen verstärkt wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer Dämonen, wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn der Blitz, die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, und der Vorhang fällt. Die Zuschauer, wenn sie mit ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder im Wirthshause sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden dauernde Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt und gerüttelt, in dumpfe Verwirrung gesetzt, und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg, trotz der Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion sehr natürlich geklungen haben.“

Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur ergötzt, lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach kurzem Schweigen erwiederte dieser: „Darf ich nun auch eine Tragödie aufführen?“ — „Immer zu!“ rief Berger.