Hallfeld begann: „Also — das Publikum sitzt in ernster Erwartung und der Vorhang geht auf. Schon durch den Klang der Verse wird der Hörer der Atmosphäre des Alltagslebens entrückt und in eine höhere feierliche Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige Kraft, deren Leidenschaft uns mit Staunen erfüllt, wird zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen hingerissen, und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf beginnt, den wir mit erhabener Spannung begleiten. Wir fordern den Untergang des Frevlers, indem wir seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt endlich unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, um mit einem Heros der tragischen Dichtung zu reden, ist zermalmt, aber zugleich erhoben; und nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die ebenfalls Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster Art ist, nachdem er Blicke gethan hat in’s Jenseits und in die Ewigkeit, verläßt er das Theater, wie man einen Tempel verläßt. Und ein Tempel — ein Tempel der Kunst — soll’s ja auch seyn, das Theater, nicht ein Haus, wie man’s zu Hause auch und am Ende noch besser hat.“
Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend, wenn auch mit Würde spielend, begonnen, aber nach und nach zu einem Ernst sich erhoben, der seines Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein so lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte; die Wirthinnen nickten beifällig und Berger sah schweigend auf den Tisch. Plötzlich aufsehend und den Redner betrachtend, entgegnete der Komiker: „Ihre Schilderung ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich in fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen, und ich sehe dadurch meinen alten Verdacht bestätigt, daß Sie im Geheimen dergleichen anfertigen.“
„Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,“ erwiederte Hallfeld. — „Gewiß nicht,“ entgegnete Berger, „namentlich das Erste nicht. Nun, um Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön gesprochen haben Sie; wenn’s nur eben so wahr wäre! Gut, gut,“ rief er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, „ich weiß, was Sie sagen wollen. Die classischen Stücke, classisch aufgeführt, wirken so. Zugegeben. Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn wir’s ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen welche, die vielmehr den von mir geschilderten Effekt machen. Neue Stücke, die sich den classischen unter den classischen anreihen — mit aller Achtung vor den lebenden Talenten sey es gesagt — dürften uns nicht in allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre es gewiß ein billiger, allen Verhältnissen Rechnung tragender Vorschlag: das Theater in so fern als Tempel zu behandeln, als wir einmal in der Woche die Priester der Tragödie darin fungiren lassen, an den übrigen Tagen aber es als ein Haus zu benutzen, was es trotz alledem viel mehr ist, als ein Tempel. Denn ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung und metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es eben das Schauspielhaus, das Haus, worin vorzugsweise gegeben werden sollen Schauspiele, inclusive Lustspiele.“
Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter aufzunehmen und der ermunterte Komiker fuhr fort: „Ermessen wir dabei unsere Kräfte, vielleicht auch die Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der Geschichte in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß wir im genreartigen Drama — wenn Sie den Ausdruck erlauben wollen — auch besser spielen, als in der hochstylisirten Tragödie. Zum lebensgroßen Bild reicht unsere Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer schön heraus. Talente, mit einem Geist, einer Figur und — einer Stimme, wie wir sie an unserem Heldenvater bewundern, sind selten und werden immer seltener. Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen, pikanten Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung und geben dem Publikum das, was es doch eigentlich am öftesten begehrt und wofür es auch am dankbarsten sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung der Kasse.“
„Das,“ fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld hinzu, „ist doch wohl auch sehr zu bedenken. Das Publikum sieht sich jetzt am liebsten selber auf der Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch besser machen, besser spielen, so sind wir am Ende aus allen Gründen gemahnt, den Zuschauern vorzugsweise zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so freundlich sind.“
„Gut gesagt!“ rief Berger. „Und wie viel ist hier noch zu thun! Welche Schätze warten noch der Hebung! Welch köstliche Narren, Philister und Bösewichter können die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts auf dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von Schauspielen und Tragödien nach dem Verhältniß der Werkeltage und Festtage — und es wird wohl stehen im Lande!“
Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden wünscht. „Damit,“ sagte er, könnte ich mich am Ende zufrieden erklären. Festtage! Dazu gehören auch die Feiertage der Woche!“ — Berger, nach einigem Besinnen, rief: „Meinetwegen! Ich will nicht knauserig seyn. Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen Kalender! Dann: Soyons amis!“ Er reichte ihm die Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit einer Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, schüttelte sie.
Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung mit einer Miene dagesessen, die den Frauen und endlich auch Willmann aufgefallen war. Ein Ernst sprach aus seinem Gesicht, der sich von dem des Heldenspielers wesentlich unterschied, indem er einen poetisch feierlichen Charakter hatte. „Was ist Ihnen?“ rief ihm der Schriftsteller zu. „Sie scheinen in höheren Sphären zu seyn!“ — „Ich habe eine Idee,“ versetzte der Angeredete, „eine Idee, die mir Freude macht!“ — „Nun?“ rief Willmann, während die Andern auf Heinrich schauten. „Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben, die Sie abtrünnig werden läßt. Ihr Aussehen —“ — „Verkündet Frieden — Harmonie!“ rief der Poet. — „Das laß ich mir gefallen!“ entgegnete jener. „Sie unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie und der Tragödie?“ — „Mit einer Modifikation, die sich auf unser Metier bezieht.“ — „Ah so! — Nun?“
Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: „Leben und Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich glaube, daß wir ihn eben jetzt auf unsere Fahne schreiben und unserem großen Dichter folgend das „Gedenke zu sterben“ in „Gedenke zu leben“ umwandeln müssen.“ — „Ah, bravo!“ rief der Vertreter der Comödie, der an dem Redner mit humoristischer Aufmerksamkeit hing. „Wir müssen zwar alle sterben,“ fuhr Heinrich fort, „und es wird gut seyn, auch daran zu denken. Aber bevor es zu Ende geht, müssen wir leben, das Leben gründlich benützen, und dürfen uns in diesem edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören lassen.“ — „Recht gesprochen!“ rief Berger — „Also lob’ ich die Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir thatsächlich stehen, zeichnet, aufhellt und auf Ziele weist, damit dieses Leben nicht bleibe, wie es ist, sondern selbst immer schöner und erfreuender werde.“ — Der Komiker blickte zweifelnd.
„Die dramatische Poesie,“ fuhr Heinrich fort, „lasse Streit und Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie führe Irrthum und Schuld vor, um davon zu heilen.“ — „Ja wohl,“ fiel Berger ein; „aber das darf nicht schulmeisterlich, tendenziös —“ — „Nein,“ versetzte Heinrich, „sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter sehe das wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, er sehe es, wie es in der That ist, reorganisire es liebevoll und zeige es im Bilde wahr und schön. Er sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle, ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit, und bereichere die poetische Literatur, die dramatische Literatur, mit neuen und neuschönen Gemälden.“