„Ganz gut,“ rief der Komiker. „Sie dürfen aber nur nicht gar zu schön —“ — „Das sind sie nie, wenn sie wahr sind!“ — „A la bonne heure!“ — „Und weil es denn,“ fuhr Heinrich fort, „an der Zeit ist und alle Forderungen darauf hinweisen, so cultivire der Dichter jetzt vor allem diese Poesie des wirklichen Lebens und liefere auch dem Theater Stücke, die mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben, schließen!“

„Bravo!“ rief Willmann. — „Diese Thätigkeit,“ fuhr der Poet fort, „sey ihm aber zugleich eine Schule, eine Vorschule für die wahre Tragödie.“ — „Ah so!“ riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. — „Für eine neue Tragödie,“ rief der Poet, „für die Tragödie der Zukunft!“ — „Hört, hört!“ rief Hallfeld, indem er den Collegen ansah.

„Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, treffende Sprache des wirklichen Lebens redet, lerne eine neue poetische Diction schaffen, in der nicht der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder wiederklingt, sondern ein neuer ertönt, worin jene frische, kernige, treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.“ — „Hm!“ erwiederte der Anwalt des Lustspiels. — „Er lerne, indem er das Leben glorificirt im Schauspiel, das Leben glorificiren in der Tragödie!“

„In der Tragödie — das Leben?“ wandte Berger ein. — „Er lerne,“ fuhr Heinrich nickend fort, „indem er einen trostreichen Schluß herbeiführt im Schauspiel, einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie. Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde der Schuld und Sühnung, aber er öffne mehr und schöner, als es bis jetzt geschehen ist, die Sphäre der Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne in der Abspiegelung irdisch guten Ausgangs die tragisch poetische Hinweisung auf den himmlisch guten Ausgang, den wir alle fordern, der kommen muß und kommen wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.“

Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend bedenklich geworden, und Berger rief: „Aber lieber Freund —“ — „Lassen Sie mich alles sagen,“ entgegnete Heinrich, „ich werde gleich fertig seyn! Der Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit; er erfülle sich mit der Kraft der Natur und schildere Menschen und Verhältnisse, wie sie sind! Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit, die Wunder der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je zuvor, lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden von Idealen, die in höherer Sphäre wieder Natur sind!“

Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes Zunicken aus; der Poet fuhr fort: „Wir wollen die Menschen nicht nur vorgeführt sehen, wie sie sind, sondern auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser tiefes Verlangen — die Neugierde unseres Geistes gerichtet. Diese Menschen, wie sie seyn sollen, müssen aber so natürlich, so motivirt aus ihrem eigensten Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale Schauspiel für die stylisirt ideale Tragödie Vorbild schon in dieser Beziehung; aber eben so in der andern eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg des Lebens. Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören, denn es gibt tragische, hochtragische Persönlichkeiten nicht nur in der Mythologie und der Sage, sondern auch in der wirklichen Geschichte; also auch die Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert werden müssen, wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber die Tragödie wird unerträglich, wenn der Dichter nicht naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit handelnde und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen sind durch die Größe des Geistes und Sinnes, wenn er nicht die ganze Handlung in eine höhere Sphäre rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt der Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere für uns unerträglich, wenn der Dichter auf den himmlischen Ausgang der Dinge nicht wenigstens hinzeigt und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die Rettung für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange also das natur- und lebenswahre, durch seinen Ausgang erfreuliche Schauspiel; ich verlange die natur- und lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der Erde triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie, und ich glaube, daß wir durch jenes zu dieser gelangen müssen und werden. — Das ist mein Bekenntniß.“

„Das ich unterschreibe,“ rief Hallfeld mit einem Eifer und zugleich mit einem Ausdruck von Achtung, wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht an den Tag gelegt hatte. „Sie haben mir aus der Seele gesprochen und es besser ausgedrückt, als ich’s gekonnt hätte! — Den Teufel auch,“ setzte er lächelnd hinzu, „wo haben Sie diese Sachen her?“

Der Poet sah ihn heiter an. „Das fragen Sie,“ rief er, „einen Doktor der Philosophie und Aesthetiker, der eine verfehlte Tragödie geschrieben hat und durch ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft? Ach, mein Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer — das Machenkönnen ist’s! Und darauf werden wir, fürcht’ ich, in Ansehung der Tragödie noch einige Zeit warten müssen.“

„Weise gesprochen!“ rief hier der Regisseur der Comödie; „oder vielmehr klug gesprochen nach imponirendem Weisesprechen! Schwer mag die Tragödie seyn, die Sie in Aussicht gestellt haben — sehr schwer — wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll mich’s freuen, wenn Ihnen zunächst Ihr Schauspiel so gut gelungen ist, wie sich’s bei solchen dramaturgischen Anschauungen allerdings nicht anders erwarten läßt.“

„Und dieses Schauspiel,“ setzte Willmann hinzu, „wollen wir jetzt hören. Ihre Ausgleichung, lieber Freund, ist billig, und ich kann mich damit recht gut einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama in die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft — das ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie nun getrost unsern Nachkommen; wir unsererseits wollen um so fröhlicher das Drama und die Comödie cultiviren, spielen und genießen.“