„Das,“ versetzte Heinrich, „ist nicht ganz meine Meinung. Der Faden der tragischen Dichtung darf und wird nie abreißen; und ich stehe nicht gut dafür, daß ich selber —“ — „Ah,“ rief Willmann auf die Thüre blickend, „unsere verehrte Wirthin mit der Bowle! Jetzt, mein Bester, hat die Discussion ein Ende. Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem Genusse des Tranks und des Schauspiels geweiht!“

Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf den Tisch gesetzt und Rosa füllte die Gläser. Der Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht, ausgezeichnet befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit und Duft übten ihre Wirkung und erweckten alsbald jenes poetische Gefühl, das die letzten Reste stattgehabter Differenz auslöschte. Der Dramatiker holte sein Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das Personenverzeichniß.

Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte nun die junge Künstlerin. Rosa war dem Gespräch der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt und hatte an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach und verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der Poet, den der Geist, der über ihn kam, Ueberzeugungen und Ahnungen klar aussprechen lehrte, hatte auch sie belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend erschienen, daß sie für ihn auch als tragischen Dichter neue Hoffnungen faßte. Wie er nun vor Kennern die erste Prüfung bestehen sollte, war ihre Seele nur Interesse und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und bedeutender erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete, konnte nicht umhin, die Verwandlung in ihr erkennend, einen Theil der Wahrheit zu ahnen.

Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text bald den richtigen Ton und las den ersten Akt mit einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß die beiden Schauspieler wiederholt beifällig nickten. Auch über den Inhalt drückten die Mienen Beistimmung aus.

„Gut,“ rief Hallfeld; „klar angelegt und eingeleitet! Ich habe kaum etwas dagegen zu bemerken.“ — „Der Akt,“ bemerkte Willmann, „löst seine Aufgabe. Der Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist, reizt, und wir begehren die Fortsetzung.“ — „Die ersten Akte,“ meinte Berger, „sind heutzutag meistens gut. Haben Sie die Güte und lesen Sie weiter.“

Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich hauptsächlich der Intrigant entwickelte. Sein artistischer Vertreter lächelte bei den dialogischen und monologischen Aeußerungen, warf einen Blick auf den Poeten, als ob er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu schaffen, wunderte, und rief am Schluß: „Nicht übel! Hübsch! Daraus läßt sich was machen!“

Der Poet, erfreut, entgegnete: „Sonst aber, was haben Sie einzuwenden?“ — „Nun,“ versetzte der Schauspieler, „allerlei. Aber im Wesentlichen bin ich zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!“

Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er brachte den wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung der Hauptpersonen und, nach charakteristisch erheiternden, die rührendsten, erhebendsten Scenen. Heinrich, wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig war, und der Effekt war bedeutend, um nicht zu sagen hinreißend.

„Bravo!“ riefen Hallfeld und Willmann wie aus Einem Munde, während ihre Blicke eine bewegte Seele verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren feucht geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes kein Hehl, und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.

„Dieser Akt,“ sagte Hallfeld, „entscheidet. Die Wirkung auf dem Theater wird durchschlagend seyn, oder Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,“ fügte er lächelnd hinzu, „zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden letzten Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben bei der Klinge — ein schützender Genius muß über dem Ganzen gewacht haben.“