Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: „Hier sitzt er in der Gestalt unserer edeln und liebenswürdigen Freundin!“

„Das,“ rief Berger, „hab’ ich mir freilich schon lange gedacht! Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein Herr Poet! Aber der Schritt vom offenbaren Un- d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn und Grazie macht man von selber nicht so schnell. Eine gütige Fee mußte Ihnen helfen; und wie ich sehe, hat sie Ihnen geholfen, vielleicht mehr, als wir jetzt noch denken.“

„Sie thun dem Dichter Unrecht,“ entgegnete Rosa mit ernstlichem Verweisen. „Mein Antheil an dem Stück ist sehr gemessen. Wenn Sie wollen, hab’ ich im Kriegsrath meine Stimme abgegeben, die Schlacht aber hat er gewonnen.“ — „Die Schlacht,“ versetzte Berger, das Haupt wiegend, „ist eigentlich noch im Gange, und obwohl die Zeichen auf Sieg deuten, so ist doch noch Alles möglich.“

Der Dramatiker las den vierten Akt. Während der ersten Hälfte schüttelte Berger ein paarmal den Kopf, wie einer, der ungeduldig wird, und sah dann mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten dagegen hellten seine Mienen sich auf und am Schluß ergriff er zuerst das Wort. Die Wendung der Intrigue gegen den Anspinner,“ sagte er, „hat — ich kann’s nicht anders sagen — etwas Feines, und die Scene zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu lustig. Ueberhaupt, die Anna gefällt mir, und,“ setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick auf Rosa hinzu, „ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß sie auch dem Publikum gefallen wird. Ich wittere hier etwas wie einen Triumph.“ — Die Gesichter erheiterten sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht ohne Mühe gewesen!

„Nun,“ rief Willmann dem Poeten zu, „lesen Sie schnell den letzten Akt! Wir sind im Zuge! Fängt doch sogar Mephistopheles an zu loben!“ — Berger drohte mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte.

Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt, nahmen sich ernstlicher zusammen, und da auch der Inhalt vorherrschend ernst war, saßen sie mit beinahe feierlichen Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens bei dieser und jener Einzelheit bemerken können. Der Schluß — ein zierlich erhebendes Wort des Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte — entfesselte aber Herzen und Zungen, und in den Seelen Heinrichs und Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der Anerkennung Schauer der Freude.

„Die Schlacht ist gewonnen!“ rief Hallfeld mit pathetischem Beifall. „Was man im Einzelnen auch noch einwenden kann, das Ganze dringt in’s Herz und gewinnt es!“ — „Und das ist die Hauptsache,“ fuhr Willmann zum Poeten gewendet fort. „Ich kann’s nicht verschweigen, ich fühle eine gewisse Verwunderung, daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber — um so besser! Jetzt sind Sie über’m Berg!“

Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln gedankt, schaute auf den Komiker, der nach einem allgemeinen Ausruf der Billigung stumm dagesessen hatte und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes viel zu viel wäre. „Und Sie?“ fragte der Poet. „Lassen Sie die Kritik hören, die Sie versprochen haben! Ich bin gefaßt — gerüstet!“

„Nun,“ erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen Behagen, „dießmal wird es gnädig abgehen. Im Ganzen halt’ ich das Drama für einen guten Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen können, falls nämlich darin gewisse unerläßliche Aenderungen vorgenommen werden.“ — „Und die sind? Ich höre, mein Herr Regisseur!“ — „Sie haben,“ fuhr jener fort, „immer noch zwei Neigungen, die ich als Schauspieler, dem einige Erfahrung zur Seite steht, sehr bedenklich finden muß, weil Sie in den Dialog etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.“ — Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. — „Zunächst einen Hang zu einer gewissen Umständlichkeit in der Entwicklung der Gedanken und einer allzu gründlichen Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren, werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode motiviren!“

Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den Poeten bis zur Verlegenheit. Berger, nachdem er sich daran geweidet, fuhr fort: „Lebendige Menschen, die wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen aus ihrem Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß, den sie fassen, durch eine lange Demonstration einleiten. Sie haben aber im zweiten, am Anfang des dritten, namentlich aber in der ersten Hälfte des vierten Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft physiologischer Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon beim Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von der Bühne herab nur eine geradezu unangenehme Wirkung prophezeien.“