„Das ist wahr,“ bemerkte Hallfeld ernsthaft, „und das muß allerdings geändert werden.“ — „Sodann,“ fuhr der Andere fort, „zeigen Sie immer noch eine Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit beleidigen zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich will Ihnen zwar bekennen, ich wundere mich, daß der Verfasser der historisch-romantischen Tragödie darin nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen über die Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber es finden sich doch noch einige starke Proben in dem Stück, und wie begreiflich sind es gerade die edeln Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens vier Stellen wünsch’ ich eine tüchtige Beschneidung.“
„Wenn es seyn muß —“ versetzte Heinrich zögernd. — „Es muß seyn,“ entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; „für die Aufführung unter allen Umständen! Ueberhaupt,“ fuhr er nach einem Moment lächelnd fort, „kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre Anna um ein Gutes besser gefällt als Ihre Antonie. Diese soll zwar viel bedeutender, hochgesinnter und tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und verwandten Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat sie aber eine Art von Prätension, die mir nicht recht munden will. Die andere ist bescheidener, aber eben darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt: die Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende Reden gestrichen werden) ist mir interessant, aber die Anna lieb’ ich.“
Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in’s Herz getroffen, war plötzlich erröthet, um den Mund Rosas zuckte dagegen ein Lächeln, das unter dem Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth. Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit des Poeten ableitete, glaubte sich in’s Mittel schlagen zu müssen. „Ich denke nicht ganz so wie Freund Berger,“ versetzte er. „Die Anna ist reizend, aber die Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger gefällt, so viel mehr imponirt sie.“ — „Die Geschmäcke,“ bemerkte Berger, „sind verschieden. Ich halte aber dießmal den meinen für besser und habe Sie stark in Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch davon ist nicht weiter zu reden.“
„Zur Sache denn!“ fuhr Hallfeld fort. „Das Stück wird nicht über drei Stunden spielen; für ein Schauspiel ist das aber doch zu lang und der Dichter wird daher noch etwelche Striche zu dulden haben.“ — „Immer zu!“ rief der Poet. — „Es wird so arg nicht werden,“ entgegnete Hallfeld. „Eigentlich ist das Stück schon gestrichen und man sieht auch daraus, daß nicht nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand im Spiele gehabt haben.“ — „Gott vergelt’s ihnen!“ rief Heinrich mit Laune.
„Reichen Sie nun,“ fuhr der Regisseur fort, „das Stück ohne Weiteres ein. An der Annahme ist nicht zu zweifeln; die Intendanz wird nach einem versprechenden Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges vorkommt, mit beiden Händen greifen, und das Uebrige ist unsere Sache.“ — „So möge es denn,“ rief Berger, „eingehen in’s Fegfeuer der Regie, um, nach glücklichem Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen Leben zu gelangen!“
Man stieß an, trank und spann nach Abmachung der Hauptsache, trotz der vorgerückten Zeit, ein zwangloses Gespräch fort, worin man gleichwohl immer wieder auf das Stück zurückkam und namentlich unter allerlei pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, als durch eine nochmalige Füllung der Gläser die Bowle erschöpft war, erhob sich Willmann, der zuletzt überlegend dagesessen hatte, mit einer Art humoristischer Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:
„Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem Akte beigewohnt, den man, genau genommen, einen weltgeschichtlichen nennen müßte. Der unvermeidliche Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, der die Eine Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, ist vollzogen von einem Manne, der noch vor Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft an der großen Zauberin und Männerverlockerin hing. Freuen wir uns dieser That auf der einen, dieser Eroberung auf der andern Seite! Freuen wir uns als wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde gelungen ist, von dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt hat, sich loszureißen und der schönen grünen Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten tafelt und denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht, königlich zu beschenken willig ist. Die Welt, meine Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt, den erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und dem realen Spender kommt realer Segen in’s Haus. Klar zu reden: was verlangt die Welt eigentlich von uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr Menschen zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und Geist und alle Tugenden, die in Menschen sich finden. Und wer’s versteht, der rundet sein Gemälde, daß es anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines Kunstwerks macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, daß wir im Grunde auch die rechten Idealisten sind. Haben wir nicht eben von einer solchen Verbindung den Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden in höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, und sind uns nicht Thränen idealer Ergriffenheit in’s Auge gedrungen? Ja fürwahr, unser Freund hat nicht nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht, und wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen sich stürzend, ein Werk vollbracht, dem gegenüber die Lästerungen und Verleumdungen der Zurückgebliebenen schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine holde Fee liebevoll geholfen — preisen wir ihn glücklich und benedeien wir die Fee! Wir können nichts ohne Feen! Wohl uns, daß, nachdem die fabelhaften sich uns entzogen haben, die realen, die besseren uns geblieben sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die Grazie des Theaters, die liebenswürdigste aller Feen, um so liebenswürdiger, als sie lebendig, wirklich ist — sie lebe hoch!“
Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen der Männer stieß man an, trank, trank aus und schüttelte sich mit glänzenden Mienen die Hände. Der Moment des Scheidens war gekommen, und man trennte sich in der heitersten Stimmung.
Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit nach Hause nahm, so war das Gefühl, das die Seele der Künstlerin durchdrang, nicht minder beglückend und hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck, den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht. Heinrich hatte nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, dessen Erfolg ihr über jeden Zweifel erhaben schien, er hatte als Bühnendichter die fördernden Einsichten erlangt, sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt bekommen, und was er nun fernerhin unternahm, das konnte ihm nicht anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks war gelegt, durch sie gelegt! Dieser Gedanke erfüllte sie und erhob sie dergestalt über sich selbst, daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung, wie die Früchte des durch sie möglich gemachten Siegs einer Andern zu Gute kamen, nichts Betrübendes für sie hatte, sondern Vielmehr etwas Wohlthuendes. Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit Augen sehen werde.