Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das nochmal durchgesehene Stück dem Theater zu übergeben. Er verfügte sich mit dem Manuscript zum Intendanten und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn gleich in die beste Stimmung versetzte.
Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den Fünfzigen, nahm das Manuscript artig in Empfang. „Ich habe,“ bemerkte er mit dem Wohlwollen eines Hochgestellten, „von dem Werk schon viel Gutes gehört und freue mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,“ fügte er mit lächelnder Miene hinzu, „politisch Anzügliches ist nicht darin?“ — „Durchaus nicht,“ erwiederte der Autor. „Es bewegt sich rein in der gebildeten bürgerlichen Sphäre.“ — „Das ist gut,“ versetzte jener. „Solche Stücke sieht man jetzt gern und sie halten sich! Nun — soll mir sehr lieb seyn, wenn wir es geben können und damit Glück machen. Sie werden dann mehr für’s Theater schreiben?“
„Die dramatische Poesie,“ erwiederte Heinrich, „wird das Hauptgeschäft meines Lebens seyn. Ich habe schon jetzt neue Entwürfe, und kann die Zeit kaum erwarten, wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.“ — „Vortrefflich!“ bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. „Sie haben sich,“ fuhr er lächelnd fort, „von Ihrem Unfall schnell erholt und gleich ein gutes Werk darauf gesetzt. So ist’s recht! So kommt man vorwärts! Ich muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. Mehr als einer, wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt haben, weil damit nichts anzufangen war, hat sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen heruntergezogen. Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen und sich vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames Stück zu verschaffen; Sie sind ein Dichter, ein Mann von Ehre, und es soll mir eine große Freude seyn, wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg verschaffen können.“
Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten das Herz auf und es wandelte ihn fast eine Rührung an. Das Glück — das Ja, die Hoffnung auf das Ja — macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen das Nein erduldet hat, immer eine liebliche Wirkung; die Zustimmung dringt wie Musik in’s Ohr des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt, gewinnt in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem Heinrich von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin seinen Dank aussprach und dem Intendanten gleichsam entgegen glänzte, machte er auch auf diesen einen immer bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig, und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten, wobei das eigentlich seynsollende Verhältniß zwischen zwei Gleichberechtigten, die ein gemeinschaftliches Unternehmen besprechen, fast schon erreicht war.
Als der Poet mit freuderothem Gesicht in’s Vorzimmer trat, stand Berger vor ihm. Man grüßte sich und der Regisseur betrachtete den Glücklichen mit forschendem Blick. „Sie kommen vom Herrn Intendanten? Sind charmant empfangen worden?“ — „Allerdings!“ rief Heinrich. — „Beneidenswerther Dramatiker! Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie doch wohl direkt zur Sonne fliegen?“ Der Poet zuckte die Achsel. „In Ermanglung derselben geh’ ich direkt in’s Weinhaus. Adieu!“
Berger sah ihm nach und sagte für sich: „Er ist mir gar zu glücklich, der junge Mann! Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal hat noch eine Prüfung für ihn aufgespart!“
Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob diese Besorgniß in Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage nachher bekam Heinrich von der Intendanz ein Schreiben zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme seines Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die Vorstellung noch in dieser Saison statthaben und möglichst beschleunigt werden solle.
Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt viel, sehr viel gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht hatte! Und wie reizend es gewesen, Sieg und Ruhm im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als bloße Forderungen existirten — der Hinblick auf eine Entscheidung in nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall garantirt schien, war doch etwas ganz anderes; eine markig poetische Vorstellung, dem wirklichen Erleben am ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur in Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl.
Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden, rief ein Lächeln auf sein Gesicht. Er nahm den Kalender, der auf seinem Schreibtisch lag, suchte den heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm. Der Name war: „Felicitas.“ — Felicitas! Das konnte nicht bloß die Annahme seines Stückes bedeuten, das freilich an sich schon ein Glück war, der ganze Sinn mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung das Glück seines Lebens begründen würden.
In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden Freundinnen. Die günstige Entscheidung war für sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa hatte sie schon mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so voll Glück und Dank, daß ihn eine Art von Taumel anwandelte; er verwickelte sich in den Artigkeiten, die er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus Ueberfülle seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem Munde kamen, die fast den Eindruck einer Liebeserklärung machten. Jedenfalls war es eine Freundschaftserklärung der wärmsten Art, die er an die Künstlerin richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer Zärtlichkeit, welche auf die Wangen der Empfängerin Rosen und auf die Lippen ein süßglückliches Lächeln rief.