Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: „Es ist doch eine grundgute Seele, unser Dichter! Der immer wiederholte Dank könnte einem lästig werden; aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar ist und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt hält, und das freut mich doch auch wieder.“

Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte. „Ach,“ versetzte Rosa, „laß das, gute Mutter! Man muß sich nicht immer heirathen, wenn man sich lieb hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung —“ — „Geh!“ rief die Mutter. „Stelle dich nicht lustiger als du bist!“ — „Nun,“ fuhr das Mädchen ernster fort, „das mag seyn wie es will. Der Umgang mit diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich habe Augenblicke, in denen ich vollkommen glücklich bin. Sind es nur Brosamen, die von des Herren Tische fallen — ich bin damit zufrieden, und damit gut!“ —

Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung erlitten hätte, wenn sie erfuhr, welche Gedanken in diesem Moment den Dichter bewegten? Ein anderer Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung ging Alles überfluthend durch sein Inneres. Der Moment, den Liebe und Ehrgeiz mit gleichem Glutverlangen herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er konnte der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von Kennern, sondern die wirkliche Annahme seines Stücks und die baldige Aufführung melden — Thatsachen, welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern niederschlagen und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt, ihm die Braut in die Arme führen mußten. Sobald er zu Hause war, schrieb er in diesem Sinn und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht, welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung hatte.

Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich glücklich zu fühlen. Freundschaft und Liebe begeisterten ihn. Aussichten auf Erfüllungen, deren Duft ihm berauschend entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet, und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen Unternehmens, die ihm schon als völlig neue Geschäfte reizend erscheinen mußten.

Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand in der folgenden Woche statt. Wenn er sich davon einen besondern, oder gar einen künstlerischen Genuß versprochen hatte, mußte er sich freilich getäuscht sehen. Im Grunde machten die Rollenleser das Schauspiel für sich zur Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden Ton und benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit an den Tag zu legen. Berger hatte als fungirender Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete, die größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in der Würde seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch nicht umhin, durch ein paar komische Verlesungen allgemeines Lachen hervorzurufen.

Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen Ganzen konnte nicht die Rede seyn. Auch in dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich durch eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte, denn sonst wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels wohl nicht erspart worden. Jetzt fand er sich darein und lachte, zum Theil auf seine Kosten, herzlich mit.

In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich bei seiner Antonie und seinem Robert (dem Liebhaber) zu machen hatte. Die Künstlerin war nicht mehr ganz jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit, darum auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen Züge, eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die Rolle sehr an’s Herz genommen, erklärte dem Autor ihre Freude darüber und las ihm eine ihr besonders liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, daß der Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz Neues selber bewunderte. Auch der Liebhaber war mit seiner Partie ganz zufrieden, konnte pathetisch Uebertriebenes mit nichten darin finden und bemerkte dem Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen.

Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen der letzten Zeit mit Behagen. Er mußte sich gestehen, daß der Verein von Bildung, Leichtigkeit, froher Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern etwas eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen einen ganz besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr nun in dem gemeinschaftlichen Unternehmen eine praktische Basis hatte und für den Dramatiker, der fort producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr erfreulicher Gedanke.

Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe gerufen. Als ihn der Fuß zum erstenmal durch die Coulissen auf die Bühne trug, empfand er mit einem gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der ihn in die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte. Von Berger und Rosa gebeten, vorläufig nur zu beobachten, nahm er an dem Tische des Regisseurs im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die ersten Inscenirungsversuche.

Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben etwas Geheimnißvolles, Nächtliches — um nicht zu sagen Unterirdisches — das auf den Autor einen wunderseltsamen Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf eigene Weise damit zu wirthschaften und sich eine Unterhaltung daraus zu machen.