Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin richtete, gähnte ihn in seiner absoluten Leerheit fragenvoll an. Wird er am Tage der Entscheidung sich füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes gewaltige Rauschen bewirken, das als entzückende Harmonie in die Ohren der Schauspieler — des Dichters dringt?

Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum antwortete nicht und sah in seinem braunen Dunkel auf ihn her — ein Symbol mystischer Allmöglichkeit. War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt werden sollte, noch äußerst im Werden — ein Kommen und Gehen, ein Versuchen und Wiederversuchen, ein Recitiren, wobei der Souffleur allgegenwärtig helfen und wieder helfen mußte, um oft nur schlechten Dank dafür zu ernten.

Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses erste Experiment in Bezug auf Wirkung als nichts beweisend zu charakterisiren. Darüber unterrichtet wurde es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe. Er sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, und die zweite Hälfte schien ihm nun bereits auch mehr Façon zu bekommen. Die erste Liebhaberin und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz mächtig, wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt und erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen Herzensklang der Rede. Er selber faßte den praktischen Zweck in’s Auge und machte Vorschläge zu Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.

Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt empfand, wurde übrigens getrübt durch eine hingeworfene Bemerkung Bergers. „Das Stück,“ sagte dieser, als sie zusammen das Theater verließen, „ist doch noch zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen, und dann müssen Sie unter Umständen noch ein paar tüchtige Schnitte machen.“

Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter sehr anziehende Weise. Die Rollen waren unvergleichlich besser gelernt und die Reden gingen so rasch vom Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu wirken begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden Organisation, des lebendigen Zusammengreifens, erquickte und hob seine Seele. Welch ein Gefühl, den Dialog, den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen aus dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen angewiesenen Theil zur eigensten Sache machten! Welche Lust, die Gestalten, die er nur als Bilder des Geistes besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten eine Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, daß Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen sich erzeugt zu haben schienen! Es war von ihm, was er hörte und sah, und doch etwas Anderes: gefärbt, gemodelt durch die Individualität des Schauspielers, neu geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst und zum Theil in einer Weise potenzirt, daß er, der Autor, es selber zu beklatschen große Lust empfand.

Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn. Er war Urheber dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk vollenden wollte! Er war das Princip, das mittelst liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie in die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen erst ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich hinzugaben, was jenen noch fehlte, die sinnliche Realität. Allein in dem Bunde des Dichters mit dem Künstler war jener doch die erfindende, anordnende, vorschreibende, dieser die reproducirende, ausführende Macht. Nicht so — das fühlte er natürlich — als ob die Kunst des Schauspielers überhaupt keiner Erfindung bedürfte, die im Gegentheil auf’s dringendste gefordert war; aber die Kraft des Poeten war eine Kraft zur Schöpfung, die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich mithin zu jener als weibliche zur männlichen.

Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß der Dichter gegen Schauspieler überhaupt — auch gegen die männlichen — galant zu seyn habe, so wurde es ihm durch Erfahrung beigebracht.

Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen begann, machte einmal einen Accentfehler, und der Poet rief ihm das hervorzuhebende Wort mit der Lebhaftigkeit eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr markirter Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche Einhülfe nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte, daß die Oeffentlichkeit der Correktur nicht angebracht sey, verhielt sich bei einem zweiten Fehlgriff schweigend, und benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn, um durch lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann ging er mit ihm auf die Seite und schlug die richtige Accentuirung vor. Der Schauspieler nickte lächelnd, und Heinrich gab in seinem Innern dem geheimen Verfahren den Vorzug.

Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte, trat ihm Berger entgegen und sagte: „Es thut mir leid, Ihnen eine doch vielleicht unangenehme Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne dritte Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften und sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht eigentlich zur Sache gehören, sie müssen heraus!“

„Aber, lieber Freund,“ rief Heinrich nach einem Moment der Ueberlegung, „das sind ja gerade die schönsten Stellen!“ — „Thut nichts! Sie müssen heraus!“