„Ah,“ rief der Poet, „Spiele des Geistes — Lichter, die einige Minuten in Anspruch nehmen!“ — „Sie müssen heraus, sag’ ich Ihnen!“ — „Wenn ich sie nun aber nicht streiche?“ — „Das ist etwas Anderes,“ entgegnete der Regisseur. „Dann wasch’ ich meine Hände in Unschuld.“
Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber einen guten Theil Ernst enthielt, stampfte den Boden. Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt, zuckte die Achseln und sagte: „Probiren wir die letzten Akte! Mir schwant sogar noch etwas?“ — „Was?“ rief der Poet, „noch etwas?“ — „Ich vermuthe sehr,“ entgegnete der Andere. Und indem er ihn mit väterlicher Freundschaft ansah, fuhr er fort: „Ja, ja, mein Bester! Das Fegfeuer, von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel! Man muß wirklich hindurch und die Flecken müssen weg, sonst kommt man nicht — Doch da naht Vater Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!“
Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that hier, wie schon im zweiten, sein Bestes, wirkte sogar auf die Schauspieler ergötzlich und fand nun, daß an diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm, doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften sah er auf die Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte seine Partie zu Ende, nickte aber bei den letzten Scenen mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.
Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der Gruppe der noch Anwesenden den Poeten herbei und sagte: „Die Probe ist gut gegangen; wir haben sogar wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen wird. Ueber drei Stunden immer noch, und das ist so lang, daß es dem Stück den Untergang bereiten kann.“
„Ueber drei Stunden?“ rief Hallfeld ungläubig. — „Ueber drei Stunden,“ erwiederte Berger, „mit dem ersten und dritten Zwischenakt, die wegen zweier Umkleidungen eine längere Zeit beanspruchen.“ — „Das ist wahr,“ versetzte Hallfeld nach einem Moment des Erwägens.
Rosa schaute besorgt auf den Dichter. „Da muß noch gestrichen werden!“ — rief sie. — „Meine Ansicht und mein Antrag,“ versetzte Berger — „Herr Dichter, ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt habe, außerdem aber die letzten Scenen des Stücks kürzen, umarbeiten, wie Sie wollen, so daß sie Schlag auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende hinsieht, dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige Interessen und für schöne Reden, die nicht absolut zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen halten auf, bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf dem Theater überflüssig sind. Aendern Sie! Wir haben noch zwei Proben — es geht noch!“
Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und der Poet gab sich. Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld und Rosa gewendet, fuhr er fort: „Meine Herrn und Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht. Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was beim Thee oder Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal glücklicherweise keine Anwendung findet, so ist uns doch in der süßen Betäubung des Getränks und der Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter Blumen entgangen — mir sogar, der ich mich noch am meisten des kritischen Umherspähens beflissen habe. Freuen wir uns, daß wir es noch in der eilften Stunde gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente Mittagbrod schmecken!“
Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen konnte, war der Poet. Er aß in seinem Speiselokal mit Hast, begab sich nach kurzem Gang in laulicher Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit. Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt strich er seufzend. „Dieser Einfälle,“ sagte er sich, „hab’ ich mich gefreut, sie sind unläugbar fein und schön, und nun müssen sie weg!“ Die neue Verbindung, nachdem er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, wie die gestrichene. „Aber was thut’s?“ rief er ironisch. „Sie hat ja einen Vorzug, der alle andern aufwiegt: sie ist kurz!“
Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, wenn auch manches aus den vorliegenden Scenen zu brauchen war, galt es eine völlige Umarbeitung, und wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er ohne Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das Beste, das Ende gut Alles gut auf’s Papier werfen?
Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren haben: daß der Drang der Nothwendigkeit die Initiative des Genius ersetzen kann. Das Unumgängliche glüht wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt uns, eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der Sprung wird gewagt — und er glückt.