Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen vor ihm lagen; aber sie freuten ihn selbst. Schlag auf Schlag! Der verwünschte Regisseur hatte Recht: so war’s besser! Nun mußte er die Aenderungen noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er mitgenommen hatte. Er that auch dieß, und besorgte dann die Rollen an ihre Inhaber, zum Theil in eigener Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte, auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg seiner Arbeit seyn müsse, um ihn für die Aufregungen und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen zu entschädigen.
Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. Berger, nachdem er die Aenderungen gelesen, rühmte ihn und drückte ihm die Hand. „Es hat weh gethan,“ sagte er dann, „der Schnitt in’s Fleisch? Was? Aber ’s ist besser so! Beim Teufel, gut haben Sie’s gemacht! Famos!“ Lächelnd trat er einen Schritt näher und sich heiter feierlich neigend, setzte er hinzu: „Succès complet!“
Die Wangen des Poeten, die von Mühen und Sorgen etwas gebleicht waren, überzogen sich bei dieser Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und er folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun seine Worte; aber sie klangen nur um so traulicher zu ihm her, besonders aus dem Munde der anmuthigen Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele einzuhauchen wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig, und die Effektmomente traten als solche deutlich hervor.
Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst so seltsam angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit einen vergnüglichen Eindruck auf ihn. Es lag in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn das verborgene Schmieden eines Complottes haben mag, das zum Sieg der Betheiligten führen soll. In Puppenhülle geschah die Vorbereitung des Schmetterlings, der an’s Licht treten und in prachtvoller Entwicklung alle Welt erfreuen sollte.
Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig. Man gratulirte dem Poeten von allen Seiten, und Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig lächelnd. „Das hat Mühe gekostet,“ rief sie ihm zu, „nicht wahr? Aber es ist der Mühe werth gewesen!“ — „Das mein’ ich auch,“ rief Berger. „Was wollen Sie? Wir haben wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!“
Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das Speisehaus trat, das er seit Wochen regelmäßig besuchte, ließen sich die dortigen Bekannten Bericht erstatten, drückten ihr großes Verlangen aus, das Stück zu sehen, und die gutgelaunten übten sich einstweilen im Klatschen. Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült, aß mit Lust und gründlichem Appetit. Nach einem tüchtigen Spaziergang suchte er die Ruhe seiner Stube und fand ein Schreiben von Auguste. Mit begreiflicher Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit ernstem Gesicht las er es.
Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die sich darin für ihn ergoß, aber durch einen dunkeln Ton der Sorge, um nicht zu sagen der Wehmuth, überschattet. Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an seine letzten Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen Glauben schenken zu können. Um so inniger und feuriger waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit sprach aus dem Brief. „Ach, lieber Heinrich,“ rief sie ihm zu, „du machst dir keine Vorstellung, wie dein Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich die Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, Sorgen und schweren Mühen. Ach, wohl müssen die Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit selber, denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! Wie müssen sie alle Kräfte des Geistes und Herzens anstrengen und den höchsten Fleiß anwenden Jahre hindurch, um endlich zu haben, was Andere spielend, im Vorbeigehen erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch Nebensache ist, so gehört er doch nothwendig zum Leben. Das Schaffen, wie göttlich es an sich ist, muß sich doch, leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun schon Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit zur andern gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du mir so sicher den Erfolg ankündigst, eine Furcht, die mich verzagen macht. Möge es dir gut gehen, theurer Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem Herzen ausgepreßte Ruf, den ich an dich aus der Ferne richte!“
Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die Geliebte hatte sich noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, aber auch noch nie so geängstigt, so gedrückt gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in ihrer Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? Hatte sie von den Eltern zu leiden? Nach einem Schweigen aufathmend, rief er: „Wahrlich, ein Erfolg thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie einen greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im Grunde hat sie dazu auch das Recht. Gott sey Dank, daß ich nur noch einen Tag vor der Entscheidung stehe.“
Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm schreibe vor ihrer Abreise zu Kronfelds, deren dringender Einladung sie nicht länger habe widerstehen können. Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige Botschaft alle Sorgen zerstreute. Denn das wollte er thun. Was die Zeitungen bekannt machten, das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte brieflich nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten und den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen.
Die vierte und letzte Probe — am Tage der Aufführung selber — ging so glatt wie eine Vorstellung. Heinrich mußte glauben, was ihm von mehreren versichert wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt seyen. Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte hinzu: „Das ist der Vortheil des Schauspiels und der natürlichen Prosa. Verse würden sie heute noch stottern und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen müssen.“