Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit worden war, so hatte der Autor gegen Abend auf seiner einsamen Stube doch eine sonderbare Empfindung. Der Tag war trüb und es begann fein zu regnen; günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so lange ritterlich gehalten, unser Dramatiker; nun, in thatenloser Stille, kamen ihm wieder Gedanken, und mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu seiner eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein leichter Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte sich’s nicht wegläugnen, er bekam, was man eine Gänsehaut zu nennen pflegt, und aller gute Muth, aller Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen zurückzudrängen und darüber zu lächeln.
Unstreitig, für ihn handelte sich’s um keine gewöhnliche Entscheidung. Auch derjenige, bei dem an solchem Tag nicht das ganze Lebensglück, sondern nur ein bescheidener Theil davon auf dem Spiele steht, kann doch, wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. Eben die Muße, die ihn zur Passivität verurtheilt, macht ihn zum bloßen Instrument, worauf nun beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen können. Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern Verhältnisse und einer ihm eigenen Feinfühligkeit alles das eine abnorme Steigerung. Am Morgen schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den Straßenecken entgegenschauten und zuzurufen schienen: „Unwiderruflich!“ Es war ihm gewesen, als ob man es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey, der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und er hatte sich darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. Die Glückwünsche bei Tisch hatten für ihn heute einen Klang gehabt, in den etwas dämonisch Gefahrdrohendes eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst verwandelt und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes Wort mit nach Hause gegeben. Nun saß er da, völlig allein, sah die Frist kleiner und kleiner werden, die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat ihm in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das Tribunal, vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, die Stimmung des Publikums, auf die Alles ankam und die gleichwohl unberechenbar war; an mögliche Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten; an das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen Versammlung, die sich ablehnend verhielt oder gar mit entrüstetem Lärm verdammte — und trotz Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder schien man (denn die Sache war ihm ja bereits ganz aus der Hand genommen) einen Wurf zu wagen in seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren wie gewinnen konnte.
Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken in ihm erregten, erhob er sich gewaltsam. Er kleidete sich an — in sein bestes Gewand; denn war er zum Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug sechs, er hüllte sich in seinen Mantel, setzte den Hut auf und ging gegen die Thüre.
Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem Ausdruck, als ob er eine förmliche Thorheit beginge, die er aber doch nicht zu lassen vermöchte, trat er zum Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und suchte den Patron des Tages. Er las: „Emanuel.“ Ernste, aber gute Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf den Weg zum Theater.
In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung einer Arena hatte, angekommen, begab er sich auf die Bühne, wo er zunächst nur einige Diener traf, die den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen hatten. Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens bei einer solchen ging ihm durch den Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte es dazu, von dem Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am Strange des Vorhangs zog! Das Publikum sagte sich das aber nicht, ja ließ sich am Ende das Produkt so vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.
Allmählig regte sich’s draußen im Zuschauerraum. Der Poet sah durch die kleine Oeffnung des Vorhangs, die man ihm bezeichnet hatte, und ward erfreut durch ein schon ziemlich gefülltes Parterre und durch versprechend besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums war doch schmeichelhaft und wirkte ermuthigend auf seine Seele.
Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf die Scene. Der Poet starrte die ersten, den Liebhaber und die beiden Regisseure, die durch Costüm, Schminke und „Maske“ unkenntlich gemacht waren, einen Moment an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu schütteln.
Immer näher rückte der Moment, immer festlich ernster wurde die Zurüstung. Pochte das Herz des Autors auch ungleich lebhafter als gewöhnlich, so war es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es war eine „bange Wonne,“ die ihn ergriff —
„Wie einen König bei der Thronbesteigung.“
Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das Stück mit zu beginnen hatten, und kamen auf die Gruppe zu — in blendender Schönheit. Der Poet begrüßte sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im Entzücken des Anschauens verlor sich der letzte Rest von Angst aus seinem Herzen. Die Freundin betrachtete ihn verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen Schein von Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang und rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme: „Ah, ganz schwarz! Kommen Sie!“ Heinrich eilte hin, sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume, und ein Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer Gluthstrahl durch sein Herz.