Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne hätten ihn nothwendig in der frohen Stimmung erhalten müssen; aber sie bezeichneten die allerletzte Frist vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still begab er sich zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen den vordersten Coulissen einzunehmen. Der Vorhang wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen Anfang.
Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um den Ausgang, eine Spannung, ein Sturm der Gefühle, die Geist und Sinne zu überwältigen drohten? Nichts von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, fühlte er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und ganz Aufmerksamkeit auf das Spiel. Es ging, wie er es gewollt, das Publikum lauschte, die große Stille verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, so zufrieden mit der Darstellung, daß er es gar nicht merkte, wie das Publikum den Akt schließen und den Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des Beifalls zu geben.
Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit feinster Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit Bravos hervor, und ein Wehen der Theilnahme ging durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur wenig und kurz applaudirt.
Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem Poeten und sagte: „Sie sind heute wieder recht faul da draußen! Zusehen können sie, wenn sie nur die Hände nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt werden sie wohl losbrechen müssen.“ — „Warten wir!“ versetzte der Poet.
Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf Effekt angelegt waren, verliefen ruhig. Als die ergreifenden kamen, herrschte im Haus zuerst eine feierliche Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt, als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden Reden, kamen aber auch diese wiederholt in Thätigkeit, und unzweideutige Zeichen der Rührung gelangten zur Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit genug gethan zu haben? Oder war die Bewegung, in die es versetzt erschien, zu ernster Natur? Oder endlich, fand es den Schluß doch nicht so drastisch wie die freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der Applaus war nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler eben hier erwartet hatten; und da man auch den Vorhang nicht schnell genug aufzog, so verhallte er wieder, ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende Effekt war verfehlt.
Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten Enttäuschung, erhob sich von seinem Sitz und trat zu den Schauspielern, die sich an der Coulisse gesammelt hatten. „Nun?“ rief er, eine Gährung in seinem Innern unterdrückend, mit Fassung, „das sieht aus wie eine Niederlage!“
Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks auf einen Hervorruf gerechnet hatte, zuckte verdrossen und schon mit einer Spur von Geringschätzung die Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber entgegnete mit dem Ton würdevoller Tröstung: „Das nicht, Herr Doktor. Das Publikum nimmt Antheil, das Stück wirkt.“ — „Aber lange nicht so,“ versetzte der Poet, „wie wir’s uns vorgestellt haben. Geht’s so fort und wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer, dann haben wir einen succès d’estime, d. h. auf gut deutsch: das Stück fällt durch!“
„Nein, sag’ ich Ihnen!“ entgegnete der Regisseur energischer. „Man hat bei diesem Akt weniger applaudirt, als er’s verdient; Ihr Stück ist aber gut und endet ansprechend, also wird man’s hereinbringen. Ruhig Blut! Noch ist nichts verloren!“
„Das mein’ ich auch,“ rief Berger, der eben herzugetreten war. „Dieser Akt wird entscheiden. Erst der Ernst, dann der Humor; — wir wollen sie schon weich machen, die hartgesottenen Sünder!“ — „Es sind Blöcke!“ rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, aber schlagenden Rede auch auf Beifall gehofft zu haben schien, mit humoristischem Unmuth.
Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, der für jetzt ohne Widerspruch blieb. Die Musik des Zwischenaktes ging zu Ende, die Schauspieler traten hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen Platz wieder ein.