Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet selbst über seine Stimmung. Von ängstlicher Aufregung war keine Spur mehr in ihm! Dagegen hatte sich ein Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und durchströmte sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge harrte, die da kommen sollten.

Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden und erkannte, das Seine vollauf gethan zu haben. Zeigte sich das Publikum spröde, kalt, nur oberflächlich und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches Selbstgefühl entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise nicht in die Lage kommen, seine Ausdauer in dieser Stimmung darzuthun.

Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß sie etwas gut zu machen hatten, benutzten gleich die erste Gelegenheit zum Applaus und befriedigten damit die edeln Liebenden, die alle beide einer Ermunterung sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller, dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes, entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit und wurde auf offener Scene gerufen. Anna in der Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche des Vergnügens hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen.

Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die Bühne zu gehen, weil er seinen Namen nicht gehört, war doch hoch erfreut, und gegen die drei, als der Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht eben karg. Die Darsteller des Liebespaars, welche den fünften Akt zu beginnen hatten, kamen mit heitern Mienen auf die Scene: sie wußten, das Publikum war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte halten.

So kam es denn auch. In den ersten Auftritten eine ernste, schöne Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, am Schluß, nachdem die letzten Scenen wirklich Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender, langanhaltender Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der Anna und — dem Dichter.

Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während die Mitgerufenen im Hintergrund erschienen, trat auf das Proscenium und dankte. Er sah das ganze Haus lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah huldvolles Nicken und Applaudiren aus der Loge des Landesherrn und seiner Familie: seine kühnsten Hoffnungen waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien durch die Wirklichkeit erreicht, übertroffen!

Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem Vorhang sich umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen und rief mit einem Wohlwollen, das etwas Feierliches hatte: „Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren Lorbeeren!“ Der zweite Regisseur, der sich genähert hatte, nickte vergnügt. „Nun,“ sagte er, „hab’ ich mein Versprechen gehalten? Und,“ setzte er mit schelmischem Blinzeln hinzu, „bin ich nicht im Grunde ein guter Mensch?“ — „Ein Engel!“ rief der Poet lachend. „Aber Adieu für heute! Auf Wiedersehen!“

Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes eilte er auf die andere Seite, die beiden Schauspielerinnen zu erhaschen, und traf sie, die gegen ihre Gewohnheit etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem Weg zum Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude küßte er der ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit glänzte, die Hand; dann, während jene sich entfernte, ergriff er die Hand Rosa’s. In der Brust des Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes, den er der lieben Freundin schuldete, mit einemmal übermächtig empor, sein Herz begann zu schmelzen. Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe eine Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige Worte des Dankes. Das Mädchen sah die feuchten Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine Hand, um sie zu schütteln, und rief: „Wenn Sie glücklich sind, lieber Freund — mehr als ich können Sie’s nicht seyn! Gute Nacht!“

IX.

Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft des treuen Willmann zu sich genommen, hatte sich nach Hause begeben und die Nacht war ihm in jeder Hinsicht eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war der Schlaf so gründlich, daß er andern Tags mit einem Wohlgefühl die Augen aufschlug, wie er’s lange nicht mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher, erinnerte sich und rief: „Darf ich’s wirklich glauben? Hab’ ich gestern das Residenzpublikum erobert?“ — „’S ist so,“ antwortete er mit Humor sich selbst, „der Traum ist Leben geworden!“