In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete sich an und setzte sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken zogen durch seinen Kopf und zum Ueberfluß schien die Sonne der ersten Frühlingswoche durch’s Fenster. Eine natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen seinen Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit größtem Vergnügen.

Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber spät aufgestanden war, traf er diesen schon in vollendeter Morgentoilette und wurde sehr zuvorkommend empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten und eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen während der Unterhaltung nicht nur Höflichkeit, sondern eine unwillkürliche Hochachtung aus, die ihm sehr wohl anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, die ihm sein Robert gestern nach dem dritten Akt gezeigt, konnte nicht umhin, sich innerlich zu fragen: wie er wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern Lauf genommen hätten!

Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. Nach einigem Warten vorgelassen, sah er sich liebenswürdig begrüßt, huldvoll angelächelt. Die Schauspielerin hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der ihr eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem Manne, der ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. Das blaue Auge gewann eine gewisse poetische Zärtlichkeit, die ihr sehr anziehend ließ. Der Dank des Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre, und die Künstlerin nahm ihn um so freudiger hin.

In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß mit sich führt, gibt es doch glücklicherweise nicht nur die eigentlichen Honigwochen, sondern auch uneigentliche Honigmomente, die von großem Werthe sind. Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da so froh, so geneigt, ja gedrängt zur Anerkennung, daß eine gegenseitige Steigerung des Glücks und eine schöne Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. — „In ihr hab’ ich auch eine Freundin,“ sagte sich der Poet, als er wieder auf der Straße war. „Freilich,“ setzte er mit Laune hinzu, „muß ich fortfahren, ihr Gelegenheit zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist ja meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres, als ihre volle Zufriedenheit.“

Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten Freundinnen. Er traf sie in einer Stimmung, die wohl zu den schönsten gehört, deren wir uns im Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide; der Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, das der Freude des Herzens eine ernste Weihe gab. Das Licht derselben wirkte magisch auf den Dichter, und Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines Ernstes, mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie noch profan erscheint.

Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich gewesen; heute aber kam sie ihm schön vor — schön im edelsten Sinne des Worts. Da die Schönheit vorzugsweise aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich. In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre Gesinnung in Schönheit verklärt wurde. Zu der Liebe ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer Großmuth war jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der ihr die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit ihre eigene innere Vollendung brachte. Es wird immer eine Frage bleiben, ob das wirkliche Lebensglück in der That werthvoller ist, als die Entsagung unter solchen Verhältnissen.

Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: „Sie haben bis jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört. Erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden auch Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber lesen.“

Der Poet sah sie an. „Was will man denn aber,“ fragte er dann, „im Grunde tadeln an dem Stück? Es ist doch offenbar gut; hat auch entschieden gefallen —“

Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. „Das ist ja eben der größte Fehler in den Augen gewisser Kritiker!“ entgegnete sie. „Lassen Sie sich dadurch aber nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls in Gesellschaften die Nase darüber gerümpft wird. Manche Leute sind nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu beweisen meinen, wenn sie absprechen. Aber das Wort verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind; darum behalten Sie guten Muth!“

Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied, um sich zum Intendanten zu begeben. Im Theater angekommen, wurde er sogleich vorgelassen. Mit einer Munterkeit, die ihm ordentlich etwas Jugendliches gab, rief der würdige Bühnenchef: „Ah, da kommt ein glücklicher Dramatiker! — Nun,“ setzte er Heinrichs Hand ergreifend hinzu, „hat mich sehr gefreut — in Ihrem Namen und in unserem! Das Publikum, anfangs ein bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.“ — „Ausgezeichnet,“ erwiederte der Autor. — Der Intendant nickte heiter. „Mit der Darstellung,“ fragte er dann, „sind Sie zufrieden?“ — „Vollkommen,“ rief der Poet mit großer Wärme. — „Das hör’ ich selten von den Herrn Dichtern,“ erwiederte der Intendant lächelnd. „Und es ist im Grund mehr, als ich zugeben könnte. Sie waren im Ganzen recht brav; aber eins und das andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück übermorgen schon wieder geben?“