[Inhalt.]
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| [Die zweite Liebhaberin.] | 1 |
| [Verlust und Gewinn.] | 319 |
[Die zweite Liebhaberin.]
I.
An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man das „Passagiergut“ zurück erhielt.
Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.
Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in’s Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half, einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.
Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus. In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer „Masse“ zusammengeflossen waren.
Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen. Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten, waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte. Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt, über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.
Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten ließ, schien er nun zu denken: „Ihr laßt mich jetzt unbeachtet vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts — ein junger Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.“