Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.
In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort. Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke verwenden zu können. Aus diesem Grund — um die Physiognomie der Residenz rein in sich aufzunehmen — hatte er den Weg vom Bahnhof eben zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu fragen.
Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig in’s Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und Schalkheit.
Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der junge Mann begann sie zu interessiren.
Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel Theilnahme wie Herablassung verrieth.
Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde durch Gestalt und Miene — trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung ihres Lächelns — so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück und der Stolz seines Lebens war.
Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in’s Theater gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs, die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte.
Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere, weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl, worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und Aussichten hing.
Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend, nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war, sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch’s Leben zu führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen, um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht.
Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich; er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur — der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote, und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen, als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob, dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung neu wieder anfachten.