Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen Berathungen über den „Wechsel“ immer einer verhältnißmäßigen Zulage das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich, indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors der Philosophie heimkehrte.
Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien einen Verwandten zu besuchen — Geschwisterkind seiner Mutter — der in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging; denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos seines Lebens für entschieden halten mußte.
Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme nicht von jener gerühmten „blendenden Weiße,“ sondern wie von einem ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen, als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn und klarer Blick in’s Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern, alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte.
Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm Abschied nahm: „Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist nicht nur sehr schön — und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften Schönheit — sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn’s zum Heirathen kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste Wahl, für sich und für dich.“
Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht. Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher Schönheit wieder sah, da war’s um ihn geschehen. Er erschrack förmlich, als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.
Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens, der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was jetzt nicht möglich war, das geschah später — und am Ende noch besser als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen.
Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause — das gebührte ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch’s Leben zu gehen und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu werden.
Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen, hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon sie erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung, seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen. Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß.
Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag in der Zurückhaltung Auguste’s, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich, sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen — in schönster Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!
Die Liebe macht jedes Wesen klug und — nach Möglichkeit — praktisch, sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames, die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen in’s Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu erlangen vermöge.