Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen, die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache — der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter wie solide Menschen zu leben vermöchten. „Freilich,“ setzte er lächelnd hinzu, „müssen ihre Gedanken auch durchgehen!“ Der Jüngling, in seiner vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der Alte freundlich hinzufügte: „Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....“

Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte, gratulirte man ihm auf’s wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre, ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens die Verlobungsanzeige lesen könnte.

Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter Auguste’s bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.

Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden, indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende, erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst wieder ausgestoßen wird.

Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames, reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es anschaut, auf’s Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt, etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? — Der Sieg ist unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!

Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im Hause der Geliebten vorlas.

An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut, gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene, glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er empfing — wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt — von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten, als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl ganz gesichert. „Ein würdiger Erfolg?“ rief eine Stimme aus den Tiefen seiner Seele. „Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein hinreißender muß es seyn!“

Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.

Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln, aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.

Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und eilte, sie aufzusuchen.