Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem gewissen Lächeln: „Morgen also, liebe Auguste, geht’s fort — in’s Feld.“ — „Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,“ erwiederte sie mit ernster Empfindung; „von ganzem Herzen.“ — „Es gehört viel Muth zu dem Unternehmen,“ fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam ansah; „denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!“

Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: „Mögest du gewinnen — Alles gewinnen — das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!“ — Sie schaute auf, ihm in’s Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten Theilnahme — der Liebe, der ihn traf und entzückte.

Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit überwallender Herzlichkeit: „Ich danke dir, Auguste — und gehe getrost. Es muß mir ja gelingen — wenn nicht um meinetwillen, so doch um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn nur,“ setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung hinzu, „die Prinzessin gut gespielt wird!“

Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu verherrlichen. „Wie mir der Doktor sagte,“ bemerkte sie, „haben sie in der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!“ — „In Gottes Namen,“ versetzte der Autor. „Mir,“ fügte er halb lächelnd hinzu, „wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie’s auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn ich dann wiederkehre — mit dem Lorbeer wiederkehre —?“

Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen Hauch von Verlegenheit, gütig: „Zum Andenken — an unsern Garten, wo wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück — alles Glück bedeuten!“

Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre Hand, preßte sie zärtlich und rief: „Dieser Rose wird der Kranz folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff’ ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen —“ — Das Mädchen, unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. — —

Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen; aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen — gewonnen für Zeit und Ewigkeit.

Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren. Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile, die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen, so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn. Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.

Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. — Endlich legte er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: „Gedanken und Entwürfe,“ schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in dem kerzenhellen Zimmer umher.

Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich mit angenehmer Empfindung seines Namens „Born“ bewußt, da er ihm in seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien; und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde, sollte im nomen nicht dennoch ein omen gegeben seyn können? Daß jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen — wer weiß es?