Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer, schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.
Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite „Justinian,“ auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen, „Herkules.“ Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei wachsendem Mond! — Der folgende Tag war bezeichnet durch „Magnus,“ der dritte durch „Regina;“ bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen können.
Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich, um in’s Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach, wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte, und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.
II.
Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als wenn ein phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht, das dem überraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst wieder besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dämmer webt vor seinen Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Träume, der beglückenden Vorstellungen, die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden Morgenhelle wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor.
Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag ließ sich so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne, die er von seinem Bett aus erblickte, verkündigte dem Liegenden die aufgegangene Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen. Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern vielmehr zum klaren Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen.
Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frühstück. Im Sopha zurückgelehnt überdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte ein Empfehlungsschreiben von einem Universitätsfreund an einen Schriftsteller, ein zweites von einem älteren Schauspieler, den er in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin, Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine Karte von einem Schulrektor der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten. Sein Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die Künstlerin aufsuchen.
Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraßen und Plätze, wobei er sich am längsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in dessen Innern die für ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.
Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig blickenden Mann von mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und der blühenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz anders vorgestellt. Dr. Willmann — so hieß der Schriftsteller — nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen prüfenden Blick und sagte dann: „Sie sind, wie ich aus dem Brief abnehme, Literat?“ — Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für die Männer der Feder die Bezeichnung „Literat“ im Gebrauch, allgemein genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen, und darum den Behörden und dem Publikum sehr handlich, dagegen für den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. An sich ein Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die sich mit literis fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten, eine Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. Das konnte jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen Empfindung und momentanem Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses vornehmes Lächeln unterdrücken zu können: „Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines Dichters verdienen zu können!“
Der Erfahrene lächelte. „Um so besser,“ erwiederte er. „Sie haben bis jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?“ — „Noch nicht. Allein ich will hier —“ — „Ein Stück aufführen lassen — das steht im Brief. Ist es ein Schauspiel? — ein Lustspiel?“