Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: „Bah!“ — „Eine historisch-romantische Tragödie“ erwiederte er. — „Ah!“ rief der Andere; und heiter setzte er hinzu: „In Versen?“ — „Das meiste: einzelne Scenen in Prosa.“ — „Wo Volk spricht — shakespearisch! — Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.“

Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks im Allgemeinen mit. Willmann horchte — bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen des Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben glaube, ein Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so verfehlte doch die ehrlich überzeugte, nach und nach begeisterte Art der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er fühlte, daß der junge Mann Talent habe — guten Willen obendrein — und im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden.

„Sehr interessant!“ rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen; „und wenn das Alles gut und schön motivirt ist — darauf kommt freilich Alles an — dann kann’s auf der Bühne schon eine Wirkung machen. Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und wohlthuende Eindrücke empfangen, und man liebt daher vor allem den sogenannten guten Ausgang.“ — „Mag seyn,“ versetzte der Poet nach einem unwillkürlichen Mundverziehen. „Aber zur Abwechslung wird doch wohl auch eine Tragödie, wenn sie wirklich poetisch ist —“ — „Ihr Publikum finden?“ ergänzte der Andere; „allerdings; aber ein kleines und minder treues,“ fügte er lächelnd hinzu. „Sicherer werden Sie immer gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin hauptsächlich moderne Gegenstände behandeln.“

„Am sichersten,“ versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lächeln, „geht der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab’ ich bei diesem Stücke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen.“ — „A la bonne heure,“ erwiederte der Doctor erheitert. „Wenn das ist, dann haben Sie freilich gewonnen und können Ihren Weg gehen nach Belieben. Der Erfolg entscheidet. Indessen,“ fuhr er nach momentanem Schweigen fort, „wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn mag, der Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst noch vorbereitet werden. — Haben Sie das Stück schon eingereicht?“ — „Noch nicht. Ich möchte vorher noch eine Copie — der Sicherheit wegen —“ — „Ich begreife. Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie können sich bei jedem auf mich berufen.“ — „Sehr dankbar.“ — „Und dann — unnütz wär’s nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft der hiesigen Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen empfohlen zu haben.“

Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem Zögern: „Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir einigermaßen, und ich meine, ich kann’s überhaupt unterlassen. Macht mein Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon gezwungen seyn —“ — „Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten Widerspruch.“ — „Womit sie sich dann aber nur selber schaden!“ versetzte der Poet mit Nachdruck.

Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause erhoben sich beide und jener sagte: „Mein lieber Herr College, Sie sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen nützlich seyn kann. Was Sie thun wollen, ist natürlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen aber künftig in etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie sich an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine gewisse Höflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen; indessen von einer höheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. „Ein Freund,“ sagte er sich, „wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er doch zu seyn, und am Ende muß man jeden nehmen, wie er ist.“

Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. Durch ein Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte übergeben hatte, angemeldet, wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des Schulrektors, die sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges hageres und ziemlich bleichsüchtiges Mädchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von der Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte Heinrich von ihr einen Schluß auf den Vater ziehen zu können. Auch sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten, wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet, verstohlenerweise einen sehr beifälligen Blick. Endlich wurden in dem entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hörbar, die Thüre ging auf und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: „Herr Doctor, darf ich bitten?“

Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen errathen hatte, während der ersten Begrüßungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer ankam, diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht heimisch waren, ernstlich zu schätzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll kühner Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher Strenge gepaart aus seinem raubvogelähnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit war ihm eine schwierige Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie aber doch, nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen Züge, welche lächelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch.

Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, mußten ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen er fähig war, und sagte: „Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich gleichfalls dem Lehrfach widmen?“ — Heinrich sah ihn überrascht an. — „Sind Sie nicht Philolog?“ fuhr jener fort. — „Nein,“ versetzte Heinrich. „Ich habe —“ — „Ah so,“ fiel der Professor ein; „ein anderes Fach. Nun, und was für eines? — Geschichte — Mathematik — Naturwissenschaft — Philosophie?“